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Seite:Meyers Universum 12. Band 1847.djvu/185

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DXXXXIX. Buenos-Ayres.




Am La Plata-Strome, fünfzehn deutsche Meilen von seiner Mündung, auf einem Landrücken, der sich 40 Fuß über den höchsten Wasserstand des Stromes erhebt, umgeben von einer unermeßlichen Ebene, liegt die größte Stadt Südamerikas, Buenos-Ayres, die Metropole des Bundes, in welchem die Republiken der Plataländer vereinigt sind. Ihre Lage ist der von New-Orleans ähnlich, und dieser Stadt an Größe und Volksmenge nahe kommend (Buenos-Ayres zählt 90,000 Einwohner), hat sie nicht geringere Ansprüche an die Zukunft. Der Plata ist nach dem Marannon und Missisippi der größte Strom des Welttheils und der natürliche Kanal für die Ein- und Ausfuhr eines Gebiets von mehr als 60,000 deutschen Geviertmeilen – eines Gebiets, größer als Spanien, Frankreich, Italien und Deutschland zusammen. Wenn einst die europäische Auswanderung diesen Gegenden Millionen Arme zugeführt und Kultur und dichte Bevölkerung ihre Wohnsitze in derselben aufgeschlagen haben, dann wird keine Stadt der alten und neuen Welt mehr Garantien der Größe und des Gedeihens haben, als Buenos Ayres, und es wird um so schneller wachsen, je kräftiger ein Umstand dazu mitwirkt, welcher der Stadt den Namen gab. Die „gesunde Luft“ des Orts ist eine Wahrheit und die Langlebigkeit seiner Bewohner sprüchwörtlich. Es stirbt jährlich nur der 48ste Theil der Bevölkerung, ein Verhältniß, das ohne Beispiel ist unter den Großstädten der Erde.

Buenos Ayres ist mit seiner längsten Fronte gegen den Strom gerichtet und präsentirt sich von da sehr imposant. Ein weiter Halbkreis von Gärten und Anlagen schließt es auf der Landseite ein. Die Stadt ist regelmäßig angelegt und ihre Straßen durchschneiden sich in rechten Winkeln in der Entfernung von je 450 Fuß. Breite Trottoirs laufen zu beiden Seiten der Häuser hin; die Fahrbahn in der Mitte ist theils gepflastert, theils auch nur chaussirt. Die Straßenbeleuchtung ist vortrefflich und die Reinlichkeitspolizei überhaupt musterhaft. In der Bauart herrscht die spanische vor. Jedes Haus bildet ein Viereck von ein bis zwei Stock Höhe, welches einen Hof einschließt, auf welchen die Fenster der Zimmer gehen. Die Fronte nach der Straße hat in der Mitte einen breiten Thorweg, zu dessen beiden Seiten sich gemeiniglich Läden und Contore, oder die Werkstätten der Handwerker befinden. Auf den platten Dächern stehen Blumen-Gestelle und Orangerien, und die artige Gewohnheit, die Außenwände der Häuser mit rankenden Gewächsen zu bepflanzen, gibt dem Ganzen ein gar heiteres Ansehen.