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Seite:Meyers Universum 12. Band 1847.djvu/210

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durfte. Wenn man eine gebildete Nation auffordern wollte, der Despotie Gebäude im Frohndienst aufzurichten, von deren Pracht und Größe die üppigste Phantasie eines abendländischen Herrschers kaum zu träumen wagt, was würde sie dazu sagen? und welches Volk würde jetzt in seinem Monarchen den lebendigen Gott anbeten mögen und ihm auf Altären opfern?

An solchen Dingen erkennen wir den Abstand zwischen der Kultur von heute und vordem und den ungeheuern Raum, den die Menschheit auf ihrer Bahn zur geistigen Vollkommenheit in der verhältnißmäßig kleinen Spanne Zeit durchlaufen hat. Ein solcher Rückblick erhebt, er versöhnt auch mit vielen Erscheinungen und macht den Glauben an ein beständiges Fortschreiten in jener Bahn unerschütterlich.

Und dieser Glaube sey der Fels, von dem herab der ruhig beobachtende Geist nieder schaue auf die Nebel und die tobenden Gewässer der Tiefe, und keine Leidenschaft, kein Irrthum, kein Zweifel, kein Grimm über verwirrende Verhältnisse, noch das Rückwärtszerren eigennütziger, boshafter und wahnsinniger Menschen soll ihn irren, oder den Blick verdunkeln. Der rechte Mensch, dem Gott Kraft gegeben, hat nur eine Bahn und nur eine alleroberste Pflicht: mitzuwirken für Das, was die edelsten Geister erwärmt hat von Anfang der Geschichte: – d. h. zu wirken für die Beglückung der Brüder durch Unterricht und Aufklärung, durch Erweckung zum Selbstbewußtseyn und zur Liebe für wahre Freiheit, die Mutter jeglicher Tugend. Mit voranzuschreiten für dieses Streben in der vordersten Reihe, das ist das Höchste des menschlichen Thuns und das Rühmlichste unter Allem.

Ein Wirken des Friedens ist es jedoch nicht! Kampf fordert’s und Unruhe und schwere Arbeit und große Opfer immerdar. Wer es als Panier seines Lebens aufgesteckt hat, der darf sich nicht fürchten. Er muß hinabsteigen, tief hinab, wo all das häßliche, giftige Schlangengezücht kriecht, dessen Biß das Volksleben siech macht und elend und um den Preis seines irdischen Daseyns berückt. Er muß den Kampf wagen mit dem Gezücht, wie St. Georg mit dem Lindwurm, einen Kampf auf Leben und Tod. Dem die Entschlossenheit dazu nicht inne wohnt, der soll ihn nicht beginnen.

In den Tempeln, von denen ein Theil dieser Trümmer die Ueberreste sind, wurden einst Menschenopfer geschlachtet von schurkischen Priestern; ein Blutzehnt für den König als Gott. Unsere Pfaffen beten noch für ihre Herrscher und machen die Gemeinde für sie beten. Die Natur des Geiers, der die unschuldige Taube würgt, haben sie ausgezogen; sie spielen nur noch die Nachteulen. Sie fordern nicht mehr Menschenopfer: sie wünschen nur, daß es dunkel bleibe. Sie sind auch barmherzig geworden; denn sie gönnen dem Volke den Himmel, nachdem es auf Erden gedarbt hat. Auch die Fürsten sind jetzt anders: sie lassen dem Volke nicht mehr Pyramiden bauen zur Frohnde; sie gestatten ihm Erwerb; nur sorgen sie dafür, daß Das, was der Fleiß gewonnen hat, der Fleißige mit ihnen theile. Sie sagen auch nicht mehr: Sklav, gehorch! Sie sagen dem Einen: du bist frei!