| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band | |
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Doch zuvor muß ich euch das Bild eines solchen Pfaffen aus guter alter Zeit recht leibhaftig hinstellen; denn sonst könnt ihr den Unterschied nicht gehörig fassen. – So ein Gotteskind – Bischof, Dompfaff oder Probst – kerngesund, wie eine Weintonne rund und guten Humors voll vom Scheitel bis zur Fußzehe, der war, hatte er sein Brevier zugeschlagen, der leidlichste Mensch in der Welt und der Mittelpunkt der geselligen Lust in der ganzen Gegend. So ein Erzpfaff aß euch zu Mittag ein Paar Fasanen, oder fünf Pfund Hirsch- oder Saubraten, oder einen Schinken in Burgunder gesotten und nebenbei eine Torte und ein Pfund Rosinen und Krachmandeln und trank dazu seinen Viertel-Eimer Steinwein oder Johannisberger ohne zu wanken. Ein Paar Flaschen Franzwein, oder Malaga, und ein Dutzend Begassinen machten sein Frühstück aus, ein Humpen Kardinal oder Bischoff vor dem Zubettegehen war sein Schlaftrunk, und wenn er Husten hatte oder Schnupfen, so rezeptirte ihm seine Haushälterin einen Napf voll Glühwein mit Zimmt oder Nägelein, alle halbe Stunden einzunehmen so lange, bis die Kur fertig war. – Alle Tage ging das fröhliche Leben von Frischem an; gut gegessen, gut getrunken, gefaselt und gejubelt in die Nacht hinein und geschlafen in den Tag hinaus: das war Jahr aus Jahr ein der Dinge Kreislauf im Leben der hochwürdigen Kirchensöhne von ehedem. – Gott hab’ sie selig!
Aber wie alles Gute und Böse auf Erden nur eine Zeitlang währt, so war’s auch da. Jahrhunderte hatte das Schlaraffenleben der Pfaffen in Deutschland gedauert, und die Vermehrung der Kirchengüter war während dem gewachsen fort und fort. Die Herzöge, Fürsten, Landgrafen etc. sahen schon lange mit neidischem Auge auf die reiche Kirche. Sie dachten: Ei! die Dickbäuche haben’s ja besser als wir, und viele sannen hin und her, wie sie es anders machten. Doch die Furcht vor dem Donnerkeil Roms, der auf Jeden niederfuhr, welcher Hand anlegen wollte am Kirchengute, hielt die fürstlichen Gelüste nieder. Da trat das Mönchlein in Wittenberg keck auf den Markt hin, und predigte Rebellion gegen die Pfaffenlehre und Pfaffenherrschaft, und – das Columbusei stand, der Zauber war gelöst. Den Schrecken vor Roms Bannstrahl warf Luther zugleich mit der päpstlichen Bulle in’s Feuer. Die Reformation entzog halb Deutschland der Papstgewalt: aber unsere Fürsten, schlauer als unsere Pfaffen, machten nun der Kirche eine Schirmvogtsrechnung und steckten zu deren Bezahlung das Kirchengut ein. So wurden die Klöster und Abteien Kammergüter, und die Pfaffenwälder herrschaftlich und die Paläste der Bischöfe fürstliche Schlösser; und so wurde die protestantische Kirche eine Bettlerin, die von dem Brosamen fürstlicher Milde lebte und den Gemeinden eine Last war. Unsere deutschen Pfaffen ließen sich’s aber gefallen: Sie hätten’s nicht gebraucht, und ein kräftiger, rechtzeitiger Einspruch hätte wohl Vieles retten können vom Vermögen der Kirche: aber sie versäumten den günstigen Augenblick, und deshalb sagt’ ich – „sie sind rechte Esel gewesen.“
In England, da waren sie klüger! – Als auch dort das Reformationslicht hereinbrach, standen sie wie ein Mann zusammen und erklärten der nach dem Kirchengute lüsternen Krone: – die Aenderung des Glaubensbekenntnisses
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam, Philadelphia 1847, Seite 208. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_12._Band_1847.djvu/216&oldid=- (Version vom 13.4.2025)