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Seite:Meyers Universum 12. Band 1847.djvu/82

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großartigsten in den Kreuzzügen, welche Millionen Krieger in den Dienst der Kirche und den Papst auf seine höchste Höhe stellten; er war fortan das unbestrittene Oberhaupt jener großen, von den mächtigsten Fürsten und Staaten in Bewegung gesetzten Eroberungs-Wallfahrten.

Papst, Klerus und Reichsfürsten – sie standen dem Kaiserthum und der Reichseinheit feindlich gegenüber; und das Volk? – Verlangst du Antwort auf diese Frage? – Die Feder sträubt sich, sie niederzuschreiben: „Schon damals“, heißt sie, „war es so weit gekommen, daß von einem eigentlichen freien deutschen Volke keine Rede mehr seyn konnte.“ –

Und wer trug die Schuld? Der Erbfeind des alten germanischen Gemeinwesens (dessen Grundmauern vollkommene persönliche Freiheit und unmittelbarer Güterbesitz gewesen), das Erbübel war’s, welches noch diesen Tag an der großen Mehrzahl unsers Volkes nagt, jene eigentlichste Erbsünde, die auf den socialen und politischen Verhältnissen der meisten europäischen Nationen lastet: das Lehenswesen! – Abhängigkeit und Aftereigenthum – beide herbeigeführt durch die vereinten Bestrebungen des Klerus und der Fürstenaristokratie und bis zum menschenentwürdigenden Extrem durchgesetzt durch den unwiderstehlichen Einfluß jenes auf alle Verhältnisse der Familie und die trotzige Gewalt dieser über alle Verhältnisse des Staats – ich sage: Abhängigkeit und Aftereigenthum entfremdeten die Masse des Volks dem nationalen Gemeinleben, vernichteten die tiefgewurzelte Ehrfurcht vor der Reichskrone und zerbrachen die mächtigste Stütze des deutschen Kaiserthrons. Und so sind wir an der Hand der Geschichte zu der traurigen Wahrheit hingeführt worden, daß die Selbstsucht und die Herrschgier der Pfaffen und Fürsten jene Zustände des deutschen Reichs verschuldet haben, welche es sieben Jahrhunderte lang zum Spielball innerer Privatinteressen und äußerer Eroberungspläne erniedrigten, welche es möglich machten, daß Saft und Kraft der edelsten Nation der Erde während dieser langen Zeit von einer Anzahl Familien ausgebeutet werden konnten, und welche endlich ihren schmählichen Triumph darin fanden, daß der verfaulte Körper des Kaiserreichs den Fußtritten der schwächern Nachbarn wehrlos bloß gestellt und daß er der Gegenstand des Hohngelächters von ganz Europa wurde.

Ehe jedoch die Hohenstaufen den Kaiserthron bestiegen, hatten sich aus diesem Chaos drei Elemente ausgeschieden, welche, klug und energisch benutzt, dem Schicksal der deutschen Nation eine andere, eine glücklichere Wendung gegeben haben würden. Aus dem Stande der alten Gemeinfreien hatten sich zwei Stände vor gänzlicher Abhängigkeit gerettet: die Ritterschaft und das Bürgerthum: jene aus denjenigen Gemeinfreien entstanden, welche dem Kriegsdienst zu Roß pflichtig waren; diese aus denjenigen Gemeinfreien hervorgegangen, welche, zu schwach, um einzeln ihre Freiheit zu behaupten, sich in größeren Gemeinden zusammen thaten, und durch Bildung, Gewerbfleiß und Handel bald zu Ansehen gelangten. Das dritte Element stieg aus dem Schooße der Geistlichkeit empor: die freie Thätigkeit, welche man der menschlichen Vernunft gestattet hatte, um die Uebereinstimmung ihrer Forschungen und Resultate mit den Aussprüchen der Kirche darzuthun, hatte diese