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Seite:Meyers Universum 13. Band 1848.djvu/15

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In der Periode der Kaiserzeit, als das Reich im Innern mit wenigen Ausnahmen Frieden genoß und diese seine Segnungen in tausend Beziehungen entfaltete, wurde die Wohlthat der Aquädukte auf fast alle große Städte der Provinzen übertragen. Noch sind viele Hunderte in Trümmern übrig, oft die einzigen Erkennungszeichen eines untergegangenen großartigen Gemeindelebens, von dem selbst der Name verschollen ist. Andere erfüllen noch jetzt ihre Bestimmung und werden vielleicht noch spätere Völker tränken.

So der Aquädukt in Segovia. Er führt die bei Ildefonso entspringenden Quellen des trefflichsten Wassers gesammelt zum höchsten Punkte der Stadt, welche er an der tiefsten Stelle in kühnen, doppelten Arkaden überschreitet. Seine Wassermenge wäre genügend für eine Bevölkerung von 100,000; ungefähr so viel zählt die Römerstadt. Das neue Segovia ist freilich nur ihr Schatten. Schlechte Hütten lehnen am Gemäuer der Eroberer, und eine gedankenlose Menge treibt sich umher, die den Riesen nicht einmal angafft, aber von weitem schon aus Respekt den Hut zieht, wenn der Alkalde über die Gasse geht. Man möchte grollen über den Kontrast, und unwillkürlich wirft sich die Frage auf: wo ist da der Fortschritt der Kultur in zwei Jahrtausenden zu suchen? Es schneidet dir diese Frage in’s Herz, wie der Laut eines Verdammten, und dein Blick ruht traurig auf dem Römerbau, den die Natur mit Epheu und Ginster und Gräsern und blühenden Schlinggewächsen bis hinan auf den obersten Rand wie einen Liebling geschmückt hat! Stehen aber nicht auch die Ruinen von Palmyra in einer Wüste und füttert nicht der Araber sein Roß im Allerheiligsten der thebaischen Tempel? Bedenke! Alle Kultur ist wandernder Natur, und in dem Drama der Menschheit die poetische Gerechtigkeit zu finden, muß man sie nicht in den einzelnen Szenen suchen. Zertrümmerte Welten fliegen um jede Sonne, und vergeblich rollen die Scherben einander nach, sie finden sich nicht wieder: ihre Sehnsucht nach Wiedervereinigung bleibt ungestillt. Grolle deshalb nicht über den Urheber der Weltordnung; du weißt ja nicht, warum die Scherben sich jagen! – Betrachte das Ganze und fasse das All, und wenn du das thust, wirst du hinsinken, und anbeten, und Vertrauen fassen, und glauben:

Der die Pracht
Der Welt gemacht,
Der den Sternen
In ew’gen Fernen
Die Pfade schrieb:
Er ist die Lieb’.