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Seite:Meyers Universum 13. Band 1848.djvu/160

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nichtswürdigen und falschen Doktrinen bekannt, keine die höllische Kunst weiter getrieben, die Völker systematisch zu verderben und ihr Herz abzustumpfen gegen gute, edle und begeisternde Gefühle. Auf keiner lastet eine größere Zahl gebrochener Eide, Rechtsverletzungen und Gewaltthätigkeiten, keine hat gewissenloser mit dem Leben und der Habe ihrer Völker gespielt, keine blutigere Kriege geführt im dynastischen Interesse, keine mit kälterem Sinn Hunderttausende von Landeskindern zur Schlachtbank geschleppt, oder grausamer Völker niedergeschmettert, wenn sie, müde der Bedrückung, aufstanden, um ihr gutes Recht zu fordern. Und wer zählt die Plünderungen, am Volkseigenthum begangen durch Sequestration und Confiskation, Brandschatzung und Kriegssteuer, Staatsbankrott und Papiergeld? wer die Plünderungen, an Fürsten begangen durch Besitznahme, Theilung, Tausch und Mediatisirung? wer die Plünderung, an der Kirche begangen durch Säkularisation und Einziehung der Güter? wer den Raub, an den Nationalitäten begangen durch Zerreißung und Vereinigung? wer die Veruntreuungen, am Staatsgute begangen durch Vergeudung und Verschwendung für volksfeindliche Zwecke? und wer berechnet die Wirkung dieser verhaßten Politik durch ihr schlechtes Beispiel auf die andern Staaten und auf die Entsittlichung, welche, von ihr ausgehend, alle Schichten der Gesellschaft verpestete? In der endlosen Liste aller Schuld ist diese doch die allergrößte; denn sie nagt fort und fort wie ein Krebs am Körper der Völker und ist die rechte Mutter der trostlosesten Erscheinungen dieser Zeit. Aber die Hand des rächenden Gottes ist schon ausgestreckt, die Schuldigen zu richten. Schaut nur hin auf das Chaos, über welches das neueste Werk der Arglist und des Wortbruchs, jene oktroirte, babylonische Verfassung, die Lüge des einigen, untheilbaren Reichs hingebreitet! – Alle Tage das Würgen der auf einander gehetzten Raçen; alle Tage Städte und Dörfer in Flammen; alle Tage Plünderung und Schändung; alle Tage neues Verwüsten, neues Morden; alle Tage frische Opfer des Standrechts; drei Viertel der Monarchie im Belagerungszustand, die Hälfte der Reichsbevölkerung außer dem Gesetze und unter dem Regiment der Kanonen und Säbel; Minister, die befehlen, und Feldherren, die ihrer Befehle spotten: – Wirrsal aber nur eine Folie: Das Unglück betrogener Völker. Ist’s bei solchem Zustande denn ein Wunder, wenn endlich die geängstigte, erbitterte, gequälte Natur aus dem Schooße des Despotismus den Geist der Anarchie zur Welt geboren hat, damit die Geburt sich gegen ihren Ursprung kehre, und das jüngere Ungeheuer das größere, ältere verschlinge?

Nun streiten die beiden Drachen auf Leben und Tod, und nicht Ruhe, noch Ordnung, noch Macht, noch Glück werden wieder einkehren in Oesterreichs Völkerhause, bis beide sich vernichtet haben. Wenn der Despotismus verendet ist, hat auch die Anarchie ein Ende. Sehe nur Gott mit Erbarmen darein, daß dieser entsetzliche Kampf bald endige. Wir dürfen es hoffen: denn eilig schreitet das Schicksal in dieser großen Zeit einher.