| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band | |
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Zuerst fällt auf die Kathedrale der Auferstehung Christi unser Blick, das viereckige Gebäude links mit der hohen, blasenförmigen Thurmkuppel, welche vier kleinere von gleicher Form umgeben. Ihr Aeußeres entspricht der Vorstellung nicht, die wir gewöhnlich von einer Kathedrale haben, denn wir denken dabei an weite, lichte Räume, von Säulen getragen, an einen Bau, dessen Verhältnisse und Schmuck die Seele zur Andacht und zum Himmel heben. Solcher Vorstellung entspricht eine russische Kirche nicht. Da muß alles winklig und verbaut seyn, auf jedem Schritt muß ein Andachtsapparat, Bildwerk, Heiligenschrein, Bibelsprüche und goldenes blendendes Schnörkelwerk vor das gaffende Auge und die verschleierte Seele treten.
Die Auferstehungskirche ist im Innern, Pfeiler und Decke inbegriffen, ganz vergoldet und übermalt mit unzähligen Bildern – Begebenheiten aus der Bibel und dem Leben der Heiligen. Die Gemälde sind bloße Fratzen und die Figuren gucken aus der von 400jährigem Rauch gedunkelten Vergoldung so teuflisch hervor, daß man sich eher in einem Pandamonium als in einem Gotteshause denkt. Zum großen Herzleid der Gläubigen haben die Franzosen viele der Bilder bei ihrem Bemühen, die Goldplatten von den Wänden zu kratzen, zerstört. Die Priesterschaft begehrte, als Napoleon den Kreml verließ, als Gnade von ihm einen Schein über das Entwendete, und der Kaiser quittirte lachend über 12,800 Pfund Silber und 720 Pfund Gold. Doch konnte sich die Kirche über das Verlorene trösten, wenn sie das Gerettete betrachtete. Noch besitzt sie z. B. den Berg Sinai von reinem Golde, auf dem ein Moses steht, schimmernd von Edelgestein wie ein Großvezier in Galla. Der Mann macht ein diplomatisches Geheimerathsgesicht und blickt auf die Tafeln der 10 Gebote, wie ein Minister auf eine oktroyirte neue Verfassung. Potemkin schenkte dieses Prachtstück. Auch die Schatzkammern sind den Pfaffen geblieben, von deren Daseyn die Franzosen nichts erfuhren. Es sind eine Reihe kleiner, im Gemäuer versteckter Zimmer, in welchen man in fünfzig Schränken die Geschenke der russischen Monarchen und Großen aufbewahrt. Ihr Werth ist Millionen.
Die Kathedrale des Erzengels Michael ist das vierstöckige Gebäude rechts auf dem Bilde mit dem gekuppelten Thurme in der Mitte und den schmalen Fenstern, die so wenig Licht in die von Gold, Heiligenbildern, Altären und Schreinen strotzenden Räume werfen, daß der Tag immer nur als eine Dämmerung er scheint: – doch Licht genug für die Finsterniß der Geister, welche die russischen Priester hüten! Das Gestirn, welches in der Nacht dieser Kirche am hellsten blinkt, ist die Glorie eines kleinen Knaben, für den wohl mehr Blut vergossen wurde und an dessen Sarge mehr Seufzer verhallten, als an irgend einem andern. Der Knabe ist der letzte falsche Demetrius, welcher als vermeintlich rechtmäßiger Thronerbe Rußlands Jahre lang im ganzen Reiche die Flamme des Hasses und der Liebe schürte und den schrecklichsten Bürgerkrieg entzündete, der jemals in der Welt getobt hat. Er schlummert – der schuldlose Knabe – hier im silbernen Schrein, und der Czar, zufrieden,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Dreizehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1848, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_13._Band_1848.djvu/20&oldid=- (Version vom 24.4.2025)