| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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Die Schiffer spendeten dem Hospitz, wenn sie vorüberfuhren, reichlich, und Wallfahrten machten den Opferstock so wohlhabend, daß bald auch ein Kirchlein angebaut werden konnte. Später gesellten sich Wohnungen dazu, und so ist allmählig ein ansehnliches Dorf entstanden, das Marktrecht ausübt; daher der Name: Markt St. Nicola. Die Gebäude, mit einer alten Mauer umgeben, kleben dicht an der Bergwand oder auf den Absätzen des Gesteins und spiegeln sich in dem klaren Wasser wider. Der Thurm des Kirchleins guckt gar traulich zwischen Fels und Waldesgrün hervor, und eine gute Fahrstraße, die sich um die Schluchten und Vorsprünge der Berge windet, setzt das Oertchen mit der Stadt Grein in Verbindung. –
Um diese waldgekrönten Berge weht der Hauch der ältesten deutschen Heldensage. Manche der Szenen, die das Nibelungen-Lied dem feigen, schwachen Geschlecht der Gegenwart als Spiegel vorhält, in den es nicht schauen kann, ohne in Scham zu versinken, spielen an diesen Ufern. Wenn wir jene germanische Heldenwelt betrachten, jene Männer- und Frauengestalten der stolzen Lebenskraft und kecken Todeslust, der schlichten, hohen Männlichkeit und der tiefen, zarten Sitte, – wenn wir in diese Lebenskrater schauen voll fressender Feuerflammen und rächender Zorneslohe, auf diese Riesen an Willensmacht und Körperstärke, die der Dichter heraufsteigen läßt aus der Zeiten Abgrund: wenn wir solche Menschen denken als Häupter und Helden des Volks zu den Zeiten, da es sich Herde gebaut und Reiche gegründet: – und wir dann hinblicken auf diese sterbende Gegenwart, auf die abgewelkten und verdorrten Stämme mit den Helden- und Götternamen der Urzeit, auf das Armesündervolk, welches die Erlösung von Oben herab und durch die Barmherzigkeit des strafenden Gottes hofft, auf diese sich spreitzenden, verächtlichen Lügengeister, welche der Völker Recht in Phrasen der Unterwürfigkeit zu den Füßen der Throne tragen, auf diese Alles verpestende und Alles durchdringende Erschlaffung und Furcht vor jeder großen That: – wenn wir auf dieses ehrlose, gleißnerische Treiben sehen von Oben und von Unten, auf den feigen, stillen, abzehrenden, nie endigenden heimlichen Bürgerkrieg zwischen Völker und Fürsten; auf die rathlosen Räthe, welche sich einander in der Kunst überbieten, die Menschen zu politischer Leerheit auszuweiden und mit ihrer Doppelzüngigkeit und Treulosigkeit einander zu überlisten; auf die Diplomaten, nur dann einig, wenn es gilt, für das Volk neue Arten der Erniedrigung und der Demüthigung zu erfinden, und neue Schmach und Unehre vor dem Ausland auf die Nation zu häufen: – so mochte Mancher verzweifeln und ihn der Glaube beschleichen, daß die Zukunft eines selbstständigen deutschen Volkslebens sich mit den nächsten Slavenkämpfen schließen werde. – Ich denke nicht so. Wie die Ereignisse sich auch entwickeln mögen – für Deutschland ist nur der heimliche Kampf mit Rußland zu fürchten; der offene nicht. Kommt dieser nach der Sündfluth, (und gebe Gott, daß er komme!) so wird die Nation sich selbst wieder finden, den Sieg sich holen und die Freiheit retten. –
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 133. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/139&oldid=- (Version vom 6.7.2025)