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Seite:Meyers Universum 14. Band 1850.djvu/155

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Luther’s begraben und wie viele werden noch darin begraben werden? Und doch wäre die kleinste Kerkerzelle weit genug gewesen zur Oubliette für den großen Luther.

Wenn im Freiheitsstaate beständige Bewegung und ein rastloses Fortschreiten die Bedingung seiner Dauer ist, wenn in demselben die Gesellschaft immer darnach trachtet, Dem zuzustreben, dem die gesammte Menschheit zuwandelt: – größerer Vollkommenheit und Glückseligkeit: so sind die Einrichtungen des Staats, wo der Wille eines Einzelnen despotisch herrscht, vorzugsweise darauf gerichtet, die Völker zurückzuführen auf der Himmelsleiter der Gesittung zu niedrigeren Staffeln, oder wo dieß nicht möglich ist, sie doch am Aufsteigen zu verhindern. Blicke hin, Leser, auf solche Reiche und Staaten! Gleichwie in der Thierwelt, bleiben dort die gefesselten Völker ohne Fortschritt. Ihre Organisation gibt kaum dem Instinkte Berechtigung. Das Sklavenvolk, das Lastthier, zu dem Gottes Ebenbild herabgewürdigt ist, wird, was es nach dem Willen seines Treibers und Herrn werden soll; eine Generation ist, was alle vorhergehenden waren, und die folgenden seyn sollen: ohne Fortschritt, ohne Entwickelung, eingeschlossen alle Thätigkeit in festbestimmte Formen und in unübersteigliche Grenzen. Der Mensch, das Herrlichste, was die Schöpfung aufzuweisen vermag, hat seine göttliche Natur verloren. Er ist wie ein dürrer Baum ohne Blüthen und Früchte. Die Freiheit des Willens ist vernichtet. Selbst die Tugend hört auf, geistiger Natur zu seyn, sie wird Instinkt, körperliches Bedürfniß, etwas Zeitliches, Kleinliches, Elendes. Sie blüht in einem Grabe.

Freiheit und Despotismus; Bügerstaat und Alleinherrschaft; Nordamerika und Rußland: – vergleiche! Dort Leben, Glück, Fortschritt; da Erstarrung, Stillstand; dort alle Kräfte in freier Entwickelung; da sie gebunden; dort Menschen-Bildung; hier Zucht zur Schur; dort die Pforten der Ehre, des Reichthums, des Wissens Allen offen; hier ein Privilegium begünstigter Minoritäten; dort der Bürger ein Herr und König; hier ein Sklav. – Aber getrost! Ewig drückt der Despotismus diese Erde nicht. Nur was in Einklang steht mit Gottes Weltordnung ist unvergänglich. Der Despotismus aber ist ihr Gegensatz, wie der Teufel der Gegensatz Gottes. So lange auch der Kampf währen mag: der Sieg ist doch unzweifelhaft. Kann Gott unterliegen? – Allenthalben ist die Freiheitssaat ausgestreut, nur ist sie noch nicht überall aufgegangen. Viele liegt noch unter Schnee und Eis begraben; verdorben aber ist sie nicht und das Eis wird schmelzen und die Schneedecke von der Sonne weggenommen werden. Auch wo der winterliche Despotismus noch mit eiserner Hand die Völker in Erstarrung hält, bleibt der Frühling nicht aus. In jedem Frühling aber gebiert die Natur neue Welten und wirft abgestorbene in Trümmer.

An eins ist noch zu erinnern. Der Despotismus wirkt, wie jedes Gift, nicht blos tödtend, er kann auch heilend wirken. Nicht allemal ersterben an ihm die Völker, zuweilen werden sie auch durch ihn neu geboren.