| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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Kinder, und als das Blut von den Martergerüsten träufelte, stellte sich Königin Agnes darunter und rief lachend: „Seht, ich bade mich im Maithau“. So rächte sich Habsburgs Geschlecht. Auf der Stelle des Kaisermords aber erbauten Albrecht’s Kinder die Abtei Königsfelden und die Güter der Geopferten wurden dem Kloster gegeben und Königin Agnes selbst ging hinein. Als einst ein armer Mönch vorüberging und die hohe Frau unter der prächtigen Pforte stand mit ihren Nonnen und sie ihn einlud, einzutreten und der Messe beizuwohnen, da antwortete der Mann Gottes: „Frau, es ist schlechter Gottesdienst bei Dem, der unschuldig Blut vergossen hat und mit dem geraubten Gute Kloster stiftet“. – Darob erbleichte Agnes und sank in ihre Kniee, so daß man sie wegtragen mußte. Der Mönch aber hieß Bertold Strebel, und jede ehrliche Seele gedenkt sein in Ehren.
Nachdem das Rachegericht vollendet war an Denen, die hoch gestanden, sollte es auch an das Volk selbst kommen. Leopold brach auf mit großer Macht, um den Eidgenossen zu beweisen, sein Recht. 2000 Ritter und Grafen waren in seinem Gefolge; 15,000 Lanzenknechte zogen ihm nach. Der Adel rund um die Waldstätte wappnete sein Gesinde und besetzte die Pässe im Rücken der Eidgenossen, damit Niemand entfliehen könne; denn Keiner, der einen Hirtenstab trug, sollte entrinnen! Leopold, Rudolf’s Enkel, führte 3 Leiterwagen voll Stricke mit sich, um daran aufzuknüpfen die Männer des Volks, welche von den Lanzen und Schwertern verschont bleiben würden.
In Todesgefahr zeigen sich Völker und Menschen groß. Wenn der rechte Sinn nicht fehlt, so wird dann das Wort der Bibel zur That: „Gott ist mächtig in den Schwachen“. Hat ein Volk die Freiheit recht in’s Herz geschlossen, so verliert der Tod seinen Schrecken und ein solches Volk wird ein Helden-Volk. Es entscheidet dann nicht mehr die Zahl und nicht mehr das größere Geschick im Kriege. Das zeigten die Griechen zu ihrer Zeit; das die Puritaner in der neuen Welt; daß die Schweizer; daß die Männer im Kaukasus.
Die Eidgenossen waren damals ein kleines Volk. Der Menschen in den Bergen und Thälern waren kaum ein Zehntel so viel, ale gegenwärtig. Nur 3 Tausend Familien zählte das Land. Als versammelt waren alle, welche die Waffen führen konnten, waren es viertehalb Tausend; und den größten Theil der Krieger mußte man zur Hut der Pässe im Rücken lassen. Leopold’s Heer entgegen zogen drei Hundert Männer von Schwyz, vier Hundert von Uri, drei Hundert von Unterwalden. Dazu kamen fünfzig Verbannte von Schwyz, die, einst der Sache des Vaterlandes untreu, jetzt, in dessen Todesgefahr, heimkehrten, um sich die Ehre der Eidgenossen wieder zu erkämpfen und ihr Verbrechen mit dem Tode zu sühnen. Als nun am 16. Tage des Novembers 1315 so viel Tausend geharnischte Ritter im blutrothen Strahl des Wintermorgens am Gebirg heraufzogen, da stellten die Eidgenossen ihre Fähnlein in Schlachtordnung, und nachdem sie den Herrn angerufen mit Inbrunst,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 214. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/220&oldid=- (Version vom 19.7.2025)