| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band | |
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Doch am erhabensten und größten ist der Held,
Wenn Stürme heulen über seine Schopfung,
Wenn unter seinem Bau der Abgrund bebt;
Wenn die gewalt’ge Hand des Schicksals ihn
Im Nu vom Gipfel in die Tiefe schleudert.
Dann zeigt der große Mensch sich wahrhaft als
Ein Wesen, angehörend höh’rer Ordnung;
Er richtet größer sich vom Sturze auf,
Und herrlicher denn früher steigt empor
Sein Werk zu seinem Ruhm und Gottes Ehre.
Es gibt aber auch große Menschen anderer Art, deren Größe sich als ein Dualismus darstellt; neben der Ehrfurcht flößen sie Schrecken ein. Diese sind weit häufiger, als jene hohen Gestalten, welche wie Sendlinge Gottes von Zeit zu Zeit über die Erde wandeln, und deren Wirken im Gedächtniß der Menschen in Verehrung und Liebe fortlebt. Wie die hoch aufstrebenden und drohend überhängenden Wände einer Felsschlucht, wie die Vulkane in ihrer zerstörenden Herrlichkeit, wie die Stürme in ihrer verwüstenden Kraft, wie der Strudel, der Schiffe verschlingt, wie die Brunst, welche Städte verheert, Bewunderung und Schrecken zugleich einflößen, so jene Menschen, in deren Seele das Göttliche mit dem Dämonischen streitet und diesen Kampf offenbart in ihrem irdischen Wirken. Die Kriegshelden und Eroberer, welche seit 6 Jahrtausenden durch die Geschichte gehen, gehören fast ohne Ausnahme in diese Kathegorie. Ein Alexander, ein Cäsar, ein Karl der Große werden zwar immer Ehrfurcht erregen durch ihre geistige Größe; aber in die Bewunderung ihrer Thaten mengt sich der Schrecken. Man betrachtet sie mit dem Wohlgefallen, mit dem man das stürmende Meer betrachtet, das Wellen auf Wellen thürmt und die Gestade zittern macht. Man hat Lust an dem Ungeheuern ihrer Kraft und man findet einen Genuß in der Erschütterung der Seele, die sie hervorbringt: aber von der Freude und Seligkeit, mit denen wir jene makellosen Auserwählten Gottes betrachten, geben sie keine Ahnung.
Der jüngste in der glänzenden Reihe der Helden und Eroberer war der kleine Mann, welcher vor einem Menschenalter in diesem Garten wandelte und da so oft die Loose warf über das Schicksal von Reichen und Völkern. – St. Cloud und Napoleon sind so unzertrennliche Begriffe, wie Olymp und Zeus. Napoleon war damals auf dem Gipfel seiner Macht. Von St. Cloud aus herrschte der Imperator im Styl des alten Roms; hier entwarf er die großen Pläne für die Verherrlichung Frankreichs und für die Unterjochung der Welt. Auf den einsamen Gängen im Park v. St. Cloud war es, wo er die Ruhe fand zu den Betrachtungen des Philosophen,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Vierzehnter Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, Amsterdam 1850, Seite 69. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_14._Band_1850.djvu/75&oldid=- (Version vom 28.6.2025)