| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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zur Strafe wegen solcher Standesüberhebung, tausend Kränkungen und alle Last der Chikane auf. Das Christenthum selbst ist in ihrer Hand nur eine Waffe gegen Menschenwürde und Menschenrecht. Sie beuten es aus im Interesse der Erhaltung einer willenlosen Unterwürfigkeit; sie fälschen es durch die Interpretation zur Fessel; denn sie wissen, das ächte Christenthum hat die Macht, zu erlösen, und folglich ist das ächte Christenthum ihnen zuwider. – „Der Geist wird sie frei machen“, sagt die Schrift, und noch unter der Peitsche würde der von der ächten Christuslehre erfüllte Sklave sich ein Freierer und Größerer fühlen, denn der Herr, der ihn peinigt und erniedrigt. Das weiß der Despotismus. Das hat ihm die Geschichte aus den Tagen erzählt, da die Christen, wie Brüder und Schwestern, in wahrer Gleichheit, noch in den Katakomben der ewigen Stadt dem Erlöser mit schüchterner Lippe ihre Lobgesänge darbrachten; das hat er in der Zeit des siebenten Gregor an den Märtyrern erfahren, die der Kirchenfürst mit seinen Bannblitzen niederschmetterte. Er fürchtet nichts mehr auf Erden, als den großen Geist eben dieses Christenthums, vor dem schon einmal die härteste Kette brach, die jemals eine Welt umspannte, vor dem der Purpur der Cäsaren, die jene Welt mit eiserner Ruthe beherrschten, in den Staub fiel, und die Adler, welche so lange die Völker zerfleischt hatten, todt zur Erde sanken. Im Christenthum schlummert der Keim eines neuen Weltalters, das keine Götzen kennt und keine falschen Priester.
Der geistige Zustand des großen Haufens ist fast überall, selbst in vielen Republiken, in der That noch ein solcher, der die Menschheit entehrt. So viel auch da und dort geschieht unter freien und menschlichen Regierungen und von humanen, erleuchteten Gesetzgebern, um die Emancipation des gemeinen Volks aus den Klauen der Unwissenheit, Dummheit und Schlechtigkeit anzustreben, so ist dies doch nur dürftig Stückwerk im Vergleich zum Ganzen, und jener Zustand, wird er nicht bald durch prinzipielle und allgemeine Reformen vorsichtig gehoben, muß ein furchtbares Gericht über die alte Gesellschaft heraufbeschwören. Er ist ihre Achillesferse. Es lebt in den Völkerseelen eine große Ahndung, und wehe! wenn sie nicht allmählig zum klaren Bewußtseyn geleitet wird, sondern in plötzlichem Losbruch mit Allgewalt in die Erscheinung zu treten sucht. Das tausendjährige Reich Christi bleibt nicht immer eine bloße Mythe im Munde des Volks; es ist eine göttliche Verheißung für die in der Entwickelung fortschreitenden Menschheit, und wenn es die an den Steuerrudern Sitzenden nicht in Zeiten anbahnen dieses Reich, welches, wie die Verheißung lautet, alle Menschen frei und glücklich machen soll: so werden hundert Reiche in den Staub sinken, damit dies eine Reich werden könne, ohne sie. „Dein Reich komme“, betet das Volk zum gerechten Gott jeden Morgen und jeden Abend. –
Wenn es wahr ist, was so Viele fürchten, daß in den höhern Schichten der alten Gesellschaft der Tod walte, daß Verderbniß, Fäulniß und Verwesung die Trias ihres Daseyns sey, und daß in diesen Schichten der Götze Selbstsucht verehrt werde als der einzige Gott: – dann kann auch aus diesen Schichten die Erlösung so
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 186. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/194&oldid=- (Version vom 7.9.2025)