| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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nicht tiefer blickte, sah daselbst harmonisch zusammenwirkende Thätigkeiten, geleitet von Einem Willen, den Doppel-Zweck verfolgend: „Selbstzufriedenheit durch den Glauben und materielles Wohlseyn durch Arbeit“. Smith entwickelte in der Organisation seines kleinen Staats ein bewundernswürdiges Talent und rastlose Thätigkeit. Er machte die Arbeit zu einem Glaubenssatze, erhob sie zu einem Ehrenattribut des Menschen. „Alles durch Arbeit mit Gebet!“ – war sein Grundsatz; jeder Lebensgenuß sey ein Arbeits-Erzeugniß! – war sein Gebot. Beamte, Advokaten, Richter, Schreiber, Büttel, Zuchthäuser, Polizei, Schaffotte, Soldaten und tausend andere blutsaugende Einrichtungen, welche der Arbeit Erwerb verzehren, wurden in Nauwoo überflüssig und nicht gefunden. Kein Beamter bezog Gehalt; jedes Amt war Ehrensache. Abgaben hatten keinen andern Zweck, als die Einrichtung von Werken zu gemeinem Nutzen: von Wegen, Straßen, Kanälen, Wasserleitungen, Brunnen, öffentlichen Parks, Anlagen von Schulen und Instituten für Gewerbe und Künste. Im Angesicht solchen Gedeihens mehrte sich die Gemeinde der Heiligen des jüngsten Tages zusehens. Besonders zahlreich waren die Uebertritte aus den wenig gebildeten Schaaren der fremden Einwanderer und die Gemeinde wurde zu einem Kollektiv aller Nationen. Im Jahre 1850 war sie schon auf 40,000 Köpfe gestiegen, von denen über die Hälfte in Nauwoo selbst wohnten. –
Um die Anlässe zu neuen Reibereien und Kämpfen mit Andersgläubigen so viel als möglich zu vermeiden, hatte Smith in Nauwoo, und, wie er verkündigte, auf unmittelbaren Befehl Gottes, volle Toleranz in Glaubenssachen seinen Bekennern zur Pflicht gemacht und die Duldsamkeit zur Tugend erhoben, welcher sich kein Mormone entziehen dürfe. Es konnte sich in Nauwoo jeder Glaube niederlassen, und Keiner, der da kam, inmitten der Mormonenbesitzungen Land zu erwerben, wurde daran gehindert. Vollständige Gewissens- und Religionsfreiheit, wie sie die Verfassung der Union jedem Amerikaner verbürgt, war inmitten der Heiligen-Niederlassung eine Thatsache. Die hierarchische Arroganz der Mormonen zog sich in das Innere des Tempels, in die Winkel der Betstuben zurück. Smiths Gesetzgebung richtete sich mit wunderbarer Wirksamkeit auf die Hebung der Gewerbe. Wo etwas erfunden oder entdeckt wurde zu ihrer Verbesserung, da schickte er Boten aus, es zu prüfen und sich anzueignen. Er gründete schon im Jahre 1836 eine große polytechnische Schule und berief die besten Köpfe zu ihrer Leitung. Wenn er auch im Tempel die Verachtung der irdischen Güter predigte, so sorgte er doch dafür, daß sich die Menschen des irdischen Jammerthals freuen konnten. Er erlaubte die Vielweiberei Jedem, der mehre Frauen und viele Kinder durch seinen Fleiß ernähren könne; er gestattete und begünstigte sinnliche Genüsse als Lohn der Arbeit; aber zugleich predigte er Einfachheit der Bedürfnisse als Mittel der Unabhängigkeit. Er hieß Jeden einen Sklaven, der sich von seinen Gelüsten und Bedürfnissen in Ketten legen läßt, und sagte, daß nur Der genieße, der zu entbehren wisse. Ausgerüstet mit dem blinden Glauben der Unfehlbarkeit seiner auf’s praktische Leben gerichteten Aussprüche,
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 191. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/199&oldid=- (Version vom 7.9.2025)