| Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band | |
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der Kunst, zu reden, er würde doch dem Untergänge geweiht seyn! – Das hat die letzte Zierde dieses Gotteshauses erfahren – jener Apostel, der das Evangelium der Armen predigte mit einer Salbung und Hoheit, als vor ihm, seit Bossuet die Kanzel in St. Etienne verlassen, Keiner gethan hat: – Abbé Lamennais – als Denker ein Herkules, fest, stark, groß, unerschrocken wie Luther – der gegen die Laster, Verbrechen und Eitelkeiten des Jahrhunderts mit dem zweischneidigen Schwert seiner Redekraft eiferte und es wagte, die heilige Wahrheit der Christuslehre von dem Schutt, mit welchem Irrthum und Lüge sie bedeckt hatten, zu reinigen. Sein Lohn war: – Verketzerung – Ladung nach Rom, – Kerker. Lamennais kam um vier hundert Jahre zu spät, um gleich Savanorola auf dem Scheiterhaufen zu sterben; er kam um hundert Jahre zu früh, den Sieg seiner Lehre zu feiern. Aber der künftige Triumpf bleibt ihr doch vorbehalten, trotz allen Blitzen, die dem Vatikan entfahren. –
Im Schweizerkanton Unterwalden windet sich, ausgehend von einem kleinen See am Fuß des öden, hohen Jochbergs, eine Schlucht in südwestlicher Richtung dem Sarner-See zu, welche sich, anfangs eng und wild, in der Gegend von Sachseln zum lachenden Thal erweitert, durchrauscht von einem forellenreichen Wildbach. Es ist das Melchthal, welches der Schweiz zwei Männer gab, die das Schweizer Volk als Schildträger seiner Freiheit feiert: Arnold Anderhalden, der Drei im Rütli einer, und Nikolaus von der Flühe, der Mann Gottes, welcher am Volkstage in Stanz durch die Einigung der zwiespältigen Eidgenossen die Volksfreiheit gerettet hat, die jener Arnold aufrichten half. Dort in der Kirche von Sächseln liegt der Heilige begraben, der ein Leben in Frömmigkeit geführt hat, von welchem das Pfaffenthum nichts weiß und nichts lehrt.
Und wie Nikolaus von der Flühe und Arnold Anderhalden, so leben noch Tausende in diesen stillen, abgelegenen Alpthälern, zu denen der verpestete Hauch der vornehmen Welt, der die Menschen verschlechtert, noch nicht hinaufgedrungen ist; – Tausende, die den Verhöhnern des ewigen Rechts, wenn ihrer Freiheit Gefahr drohte, auch heute noch eben so fest entgegentreten würden, als jener Arnold, und die noch so denken und fühlen, als jener Nikolaus. Die einfachen Hirten des Melchthales, die auf den Absätzen und Vorsprüngen ihrer Felsen mit ihren kleinen Heerden die dürftigen Rasenplätze abweiden, welche oft nur der kletternden Ziege zugänglich sind, – diese kräftigen, starken, furchtlosen Zöglinge der Natur, sind ein anderer Schlag als die Städter, welchen im Staub der Schule, in dem
Joseph Meyer: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Fünfzehnter Band. Bibliographisches Institut, [Hildburghausen] [1852], Seite 225. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_15._Band_1852.djvu/233&oldid=- (Version vom 11.9.2025)