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Seite:Meyers Universum 15. Band 1852.djvu/260

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oder reichlicher fließen gemacht, und auch dem geistigen Leben und Verkehr führt sie täglich frische Kräfte und Anregungen zu. Daß demungeachtet in Weimar Klagen gehört werden über Verlorenes und Mangelhaftes, darf das Urtheil nicht beirren. Nicht leicht ist der Mensch mit dem ihm in der Gegenwart beschiedenen Loose zufrieden. Wenn aber in Weimar die Unzufriedenheit gesprächig ist auch jetzt noch, so ist dies kein übles Zeichen. Wären laute Klagen immer ein Beweis von öffentlichem Unglück, dann müßten die unglücklichsten Menschen in England, die glücklichsten in Rußland oder Kurhessen wohnen. Man dürfte in Britannien, wo man die Minister zuweilen in effigie an den Laternenpfählen hängen sieht, nur einige Male jene Operation wirklich an den Personen der räsonnirenden Bürger vornehmen, um jede Aeußerung von Unzufriedenheit verstummen zu machen. – Weimar hat übrigens nicht nöthig zu klagen über das verlorne Paradies und das Verschwinden seines goldnen Zeitalters. Es darf sich auch nicht beschweren, daß ihm von der Last der allgemeinen und begründeten Unbehaglichkeit, welche die Zustände in Deutschland so Vielen verleiden, ein größerer Antheil geworden ist, als anderwärts. In Weimar ist’s noch immer, selbst für den Mann, welcher die Freiheit liebt und dem die Verknechtung und die aus derselben hervorgehende Verderbniß des Volks an der Seele nagt, erträglich nach Zeit und Umständen. Die weimarische Regierung hat seit zwei Generationen im liberalen Geiste das Land verwaltet, sie war der Freiheit und den angeborenen Menschenrechten nicht feindlich. Dies gereicht ihr zum Ruhm. Aber noch höher ist’s ihr anzurechnen, daß sie in dieser Zeit sich nie durch Beispiel und Zusprache auf die entgegengesetzte Bahn hinreißen ließ, daß sie keinen übermüthigen oder harten Gebrauch machte von dem Rechte des Stärkern und die Rolle des Despoten spielte. – In Weimar rathen noch gegenwärtig Männer als Minister dem Fürsten, welche durch das Volksvertrauen in den 48er Märztagen emporgehoben wurden, und das standhafte Fernbleiben der Regierung von der Doktrin, welche durch Treubruch und Meineid der Fürsten, durch Entsittlichung und Entmannung der Völker, durch das Herabwürdigen der Menge mittelst Gewalt, Betrug und Dressur zum Stande unvernünftiger Wesen das Recht der legitimen Herrschaft zu befestigen trachtet, und aus ihrem eigenen Werke, der Volksdemoralisation, die Folgerung zieht, die Masse sey ein Thier, zum Dienste des Herrn geboren, – das gereicht ihr um so mehr zur Ehre, da Weimar ein gar kleiner Staat ist, und es ihm, bei seiner Schwäche, folglich um so schwerer werden muß, den Kräften zu widerstehen, welche beständig zur entgegengesetzten Bahn hindrängen. Auch der neue Fürst, – es steht zu hoffen – wird an der Ueberzeugung seines Vaters halten, daß ein Verhältniß, welches die Berechtigung des Fürsten zum Despoten voraussetzt, das Volk hingegen zur Knechtschaft verpflichtet, – ein Verhältniß, das nur Räuber und Beraubte, Quäler und Gequälte, Starke und Schwache, Genießende und Darbende, willkürlich Befehlende und willenlos Gehorchende kennt, – nicht fähig sei, ein Staatswesen des Rechts und der Moral, des guten Glaubens und des gegenseitigen Vertrauens zu begründen, oder zu gewährleisten. Möge von der Schlechtigkeit und Niedertracht der