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zu gehören, und deshalb sind wir von vornherein schon mit seinen Tendenzen nicht einverstanden. Seine Romantik ist übertrieben, seine Gedanken entbehren des Halts, seine Sprache ist jenes moderne Geflitter und Gezwicker, das jedes an die klassische Schreibart gewöhnte Ohr geradezu beleidigt. Jocosus scheint sich einen jungen Schriftsteller zum Muster genommen zu haben, den ich des Anstands wegen, hier nicht nennen will, und bei dessen bloßer Erwähnung mir die Galle in den Magen tritt. Es lag Herrn Jocosus vornehmlich daran, gewisse Wahrheiten auf offenem Markte zu predigen, als er sein Stück niederschrieb, höchst verwerfliche, dem Wohl der Staaten gefährliche Versuche, die ich hiermit der hochlöblichen Behörde anzeigen und gegen irgend welche Anerkennung höherer Seits auch nachzuweisen erbötigt bin. Was soll daraus werden, wenn solche Jocose sich das große Wort anmaßen? Können wir noch unsere Hausfrauen auf den Markt schicken, wenn dort solche Komödien aufgeführt werden? Mein jüngstes Töchterchen, deren Stricklehrerin auf dem Markte wohnt, muß die Strickschule versäumen, so lange das Baalstheater an dem geheiligten Orte steht, den die Altvordern zu ihren gemeinen Berathschlagungen verwendeten, und wo wir bis jetzt die Erzeugnisse unsers Bodens feil hielten, und für die unbestrittennützlichste Bestimmung der Leibesnahrung Sorge tragen durften. Alles das ist entweiht. Ich schreie Zeter über die Neuerer! Hier muß eingeschritten werden! Gefahr ist in der Säumniß. Komme Hülfe woher sie wolle; sie muß kommen! Ich zähle mit Sicherheit darauf, daß die schändliche Mode der öffentlichen Schaubühne nicht um sich greifen werde, und daß in der Nation, im bessern, unverderbten Volke noch ein Sinn lebt, der sich mit Entsetzen und Widerwillen von diesem furchtbaren Scheuel und Greuel wegwenden wird, zu dem uns eine unbesonnene, entsittlichte Jugend hinzustoßen geflissentlichst bemüht ist.

Nach dieser gewiß sehr gerechten, und von dem größten Theile des Publikums, den ehrsamen, wohlgesitteten Leuten, durchweg getheilten Entrüstung, noch von der Leistung der Künstler zu sprechen, könnte als überflüssig erscheinen, zumal das Machwerk fast jeder vernünftigen Interpretation widerstrebte. Dennoch soll hier gesagt werden, um der Treue und Wahrhaftigkeit unsers kritischen Gewissens genug zu thun, daß vor Allem unser Liebling, der Herr Kuttelfleck, in der Rolle des Musje Frippon, uns vollkommen Genüge that. Seine Mimik, sein Vortrag waren tadellos, nur das Eine möge uns der Hochverdiente erlauben: Das Auftreten mit den Zehenspitzen wäre für den Karakter passender gewesen; wir vermissen es ungern, und das zweimalige Klappern mit den Sporen, vermochte uns dafür nicht gänzlich zu entschädigen. Fräulein Butzewackel, schön und vollendet wie immer; es ist die eingefleischte Kunst; nur ein wenig zu viel Schminke unter den Augen aufgelegt. Kostüm untadelhaft. Der altdeutsche Schlender oder Schlumper (provinziell) war bezeichnend und überraschend zugleich, höchst graciös die Art zu tragen. Unser hochverehrter Gast, Herr Firlefanz, vollendete das Kleeblatt. Der Ton seiner Stimme drang in Aller Herzen. Warum uns schon verlassen? Ließe sich nicht vielleicht ein Arrangement treffen; die kunstsinnige, so höchst wohlwollende Administration würde dem wackern Mimen gewiß Gelegenheit geben, sich noch öfter dem Publikum, und zwar an anständigerem Orte zu zeigen. Alle Uebrigen stehen über unserm Lob erhaben; wir wünschen nichts sehnlicher, als sie recht bald in einem edleren Vorwurfe bewundern zu können. Henricus Jocosus darf sich bei solchen Künstlern schönstens bedanken.

Doktor Wenzel.

ZWEITE KRITIK
über
dasselbe Stück, von anderer Hand.

Welch ein Schritt vorwärts! Endlich ist es den Bemühungen junger aufstrebender Kräfte geglückt, ein großes Bild ächter Zerrissenheit dem Volke in seiner Gesammtheit vorzuführen. Ihr Müden ruht aus! Kommt her, Ihr Touristen, und laßt Euch bei uns nieder. Wir haben es erobert, as goldene Vließ. Einem aus unserer Mitte, dem Doktor Wackerjäger, pseudonym: Henricus Jocosus, ist es gelungen, das Ziel zu treffen. Wir haben sein neuestes Drama „der wahnsinnige Häring“ allhier, auf offenem Markte. Staune Welt! Nun, da wir so weit sind, da wir mit geöffneter Brust vor das Volk treten können und zu ihm sprechen; da wir unser warmes Herzblut vor ihm dürfen rinnen lassen; da wir es säugen dürfen in größter Unmittelbarkeit mit unsrer heiligsten Milch – da die alten Zeiten der uralten Rhapsoden wieder wahr werden sollen – nun haben wir einen Schritt vorwärts erkämpft, wir haben eine That gethan und dürfen an nichts mehr verzweifeln. Allein wir sind dadurch auch Verpflichtungen eingegangen, die uns vor Allem heilig seyn müssen. Henricus Jocosus (Doktor Wackerjäger) ist unser Vorkämpe; sein Demantschild leuchtet uns durch die romantischen Büsche, die vom Thaue seiner Dichtung triefen, wir wollen ihm folgen, und stark und kühn zugleich seyn.

Es ist nur traurig, daß unsere Schauspieler, die mit großem Unrecht Künstler genannt werden, da sie aller Kunst baar sind, die einzigen Vermittler solcher Werke zu den Massen sind. Ueber die Aufführung ist nichts zu sagen; weil es gar keine war. Ein Gast, ich weiß nicht einmal woher, tragerirte zum Haarsträuben; unsere einheimischen Mimikoren agirten in gewöhnlicher Weise, d. h. zum Davonlaufen. Fräulein Butzewackel zirpte und zischelte so süß wie Prinzessin Thisne in Shakespeares Riepelkomödie. Wir schämten uns in die Seele hinein, wegen der Anwesenheit vieler fremden Gäste. Wann wird’s Anders werden? So lange die Schauspieler da sind, ist keine Hoffnung dazu vorhanden. Nur dann wird’s besser, wenn der Dichter selbst umherreist und sein Werk vorliest. Auch darauf arbeiten wir hin, und einzelne fahrende Genies haben damit den Anfang gemacht. Das Publikum sträubt sich noch, wie bei einer bittern Medizin; allein es thut nichts. Mit Geduld überwindet man Vieles. So viel ist indeß gewiß: Henricus Jocosus (Doktor Wackerjäger) hat einen schönen, einen bleibenden, einen großen Sieg erfochten; sein Drama ist die schönste That des neunzehnten Jahrhunderts.

Seraph Lorbeerzweig.

Nachschrift der Redaktion.

Wir bedanken uns diesen Morgen in großer Verlegenheit indem wir kein Manuscript mehr hatten, das Blatt zu füllen. Um nun nicht genöthigt zu seyn, das Papier weiß zu lassen, was sich niemals gut ausnimmt, weil sich dadurch gar böse und trübselige Nebenbegriffe verbinden, griffen wir zu beifolgenden kritischen Aufsätzen, die uns von den geehrten Herren Verfassern über die Aufführung des morgen darzustellenden Stücks schon heute eingereicht worden sind, weil sie morgen nicht Zeit haben werden, solche niederzuschreiben, und auch unsere Presse des Festes wegen feiern wird. Wegen dieser Anticipation bitten wir um gütige Verzeihung; die Gründlichkeit der Kritiken verliert dadurch nichts an ihrem Werthe, und daß sich widersprechende Urtheil von zwei so gewiegten Kennern ausgesprochen, wird Gelegenheit zu Vergleichen bieten, die der guten Sache nur förderlich sind. Und hiermit empfehlen wir uns bestens unsern Lesern!

Ergebenster Grieswärtel
(Vulgo Redaktor)
des
Narren-Turneys.

Unvernünftige Wortspiele.

Wie kann ein Bürgerlicher ohne Standeserhöhung adlig werden? – Wenn er verrückt wird, denn dann ist er von Sinnen.

Was lassen sich auch die gebildetsten Fräulein noch gern erklären? – Von einem schönen Mann die Liebe.

Empfohlene Zitierweise:
: Geöffnetes Narren-Turney. Verlag, Druck und Lithographie von F. Gutsch & Rupp, Karlsruhe 1843, Seite 13. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Narren-Turney_(1843).pdf/13&oldid=- (Version vom 1.8.2018)