Seite:Neue Zeitschrift für Musik - Notizen und Artikel über Werke von Ladislas Tarnowski 1870-1878.pdf/17

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      Der Autor vorliegender größerer und kleinerer Werke für Orchester, Gesang und Klavier ist rastlos bemüht, in den von den Meistern der neueren Richtung vorgezeichneten Bahnen festeren Fuß zu fassen. Ein solches wenn nur einigermaßen von Fortschritt, von Erfolg begleitetes Streben zu verfolgen, gewährt besonderes Interesse, andrerseits wird man in diesem Falle auf’s Neue inne, wie schwer es dem Autodidacten wird, die Lücken des sogen. Handwerks ohne tüchtige Anleitung zu beseitigen. Ebenso wie zu gegenseitigem Umgange alle Menschen, auch die tolerantesten und achtlosesten gewisser Umgangsformen, eines modus vivendi zur gegenseitigen Verständigung nothwendig bedürfen, um sich nicht trotz des besten Kerns fortwährend abzustoßen, ebenso vermag auch die Kunst solcher Umgangsformen (man verzeihe das etwas oberflächliche Bild), als da sind Symmetrie, Klarheit der Structur, Consequenz, Styleinheit und wie diese oft mit Unrecht verachteten Dinge heißen mögen, nicht wohl zu entbehren, zu denen sich für den Leser noch eine von allen Abstrusitäten freie Ortographie nebst möglichst wenig Stichfehlern gesellen muß. Darum prüfe sich doch ja jeder Autodidact, ob sich bei ihm in jenen „Umgangsformen” nicht Lücken finden, und zögere nicht, zu deren Beseitigung sich einem gewiegten Praktiker anzuvertrauen. Auch dem talentvollen Autor vorstehender Werke, will er nicht lieblos, vereinsamt und halb verkannt bleiben, will er nicht selbst dem Unbefangensten den Genuß und die Werthschätzung seiner Werke erschweren, muß es der ganz aufrichtige College an’s Herz legen, noch einige wesentlichere Verstöße gegen die oben angeführten Bedingungen ungetrübten Genusses eines Kunstwerkes durch irgend einen schonungslos ehrlichen Meister der Form ausmerzen zu lassen. Verhaltnißmäßig am Freisten davon ist die Ouverture, besonders bekundet deren Instrumentirung einen nicht gewöhnlichen Grad von Routine, ihre Anlage ist eine ächt orchestermäßig gedachte zu bezeichnen und wird dem (laut Titel bereits in Paris, Venedig etc. aufgeführten) Werke überall einen erheblichen Theil des Erfolges sichern. Jedenfalls Programmmusik in des Wortes nobelster Bedeutung, kann man nur bedauern, daß der Autor auch nicht das kleinste Programm, und bestände es in einem einzigen Worte, zur Herstellung geistigen Rapportes mitgetheilt hat, umsomehr, als die Form eine meist sehr rhapsodische. Den viel zu großen Reichthum an Gedanken würde man willig für consolidirendere Verarbeitung eines Theiles derselben hingeben; sie sowohl als auch die Tonarten wechseln viel zu schnell, als daß das Interesse sich wärmer zu fixiren vermag. Die harmonischen und thematischen Schönheiten würden bei sparsamerem Haushalten viel nachhaltiger hervortreten, u. a. verlangt den Hörer nach einer reicher ausgesponnenen Wiederholung des eigenthümlichen graziösen Desdursatzes S. 20. Im Detail dagegen sind die meisten Themen in sich geistvoll und gewandt verarbeitet, namentlich wird denselben durch charaktervolle Bässe Tiefe des Affects verliehen, den meisten aber fehlt ein consolidirender Vordersatz; so viele Comp. vergeuden leider ihre Schätze dadurch, daß sie sofort mit Nachsätzen oder gangartigen Verarbeitungen beginnen, weshalb ihre Gedanken, kaum auftauchend, schon wieder zerfließen. Charakter, Kern, Tiefe der Affecte und Eigenthümlichkeit kann man dagegen dem Werke (dessen Clavierauszug laut Titelangabe nächstens erscheinen soll) nicht absprechen und schon aus diesem Grunde verdient es liebevollere Beachtung.
      Die Gesänge haben ebenfalls unser tieferes Interesse erregt, denn auch aus ihnen leuchtet fast überall die charaktervollste Intention, der Situation gerecht zu werden, wenn sich auch nicht verhehlen läßt, daß sich der Comp. nicht immer auf der Höhe der Erfindung wie in der Ouverture behauptet, sondern bewußt oder unbewußt manche allzu populäre Concession macht, von denen die unerklärlichste der achtmal ganz gleiche Refrain zu seinem ergreifenden Gedichte „Kennst du die Rosen“ ist. Auch ergeht sich bei ihm der Clavierspieler in deren Zwischenspielen etc. öfters zu achtlos und ungenirt. Declamationsverstöße verzeiht man dem Ausländer möglichst gern, weniger jedoch, wenn ersichtliche Bizarrerien, Streben nach absonderlichen Ausdruckmitteln etc. sich hinzugesellen und gar manche wichtige Begriffe deshalb prosodisch[WS 1] etc. schlecht wegkommen. Die geistvollsten Gesänge sind unstreitig die bei Kratochwill erschienenen (von Foglar), und empfehlen wir namentlich letztere (bei denen ersichtliche Meisterfingereinflüsse) allen denen, die nicht in Folge der etwas abschreckenden Vorzeichnungen und zuweilen auch verkehrten Tacteintheilungen etc. lieblos aburtheilend, es überhaupt der Mühe werth halten, allerlei kleine Steine des Anstoßes, als unnütze Härten, verbrauchte Begleitungsfiguren, Stichfehler etc. wegzuräumen. –

Z.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Typische prosodische "Fehler" in der Notenschrift des Ladislaus Tarnowski (1836-1878), „Grande Sonate (Ddur)“, S. 14, Takt 14.
    Przykład typowego błędu iloczasowego w zapisie Władysława Tarnowskiego - de.png
Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Neue Zeitschrift für Musik - Notizen und Artikel über Werke von Ladislas Tarnowski 1870-1878. C. F. Kahnt, Leipzig 1870-1878, Seite 89b. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Neue_Zeitschrift_f%C3%BCr_Musik_-_Notizen_und_Artikel_%C3%BCber_Werke_von_Ladislas_Tarnowski_1870-1878.pdf/17&oldid=3133544 (Version vom 1.6.2018)