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Schluß.

      Während das Quartett dem letzten Beethoven, nähert sich die Claviersonate mehr der früheren Periode desselben. Sie beginnt in Ddur:

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strebt aber sehr bald der Unterdominante erregter zu und setzt sich, wie überhaupt besonders dieser Satz ohne sonatenartige Durcharbeitung, wiederholt in derselben seltsam eigensinnig fest; erst in Dur in sehr schlichtem Gewande mit einem kleinen oft wiederholten ausdrucksvollen Motive, später in Moll in klagender Mendelsohn’scher Triolencantilene, und abermals in auffallend schlicht conservativer Accordfiguration, bis sich der Autor endlich wieder in den ersten Gedanken hinüberzwingt.
      Der zweite Satz, ein kurzer zweitheiliger Liedsatz Allegretto non troppo in Fdur, trägt das Motto: Nous nous rassimes au bord du même fleuve comme autrefois … les vagues passaient en silence … und ergeht sich diesem Motto entsprechend in etwas indifferenter, erst gegen den Schluß fesselnder sich aufschwingender Stimmenfiguration, ähnlich der einfachsten Choralvariirung.
      Viel tiefer erfaßt uns troß seiner ebenfalls sehr skizzenhaften Anlage das folgende Largo appasionato in Amoll, betitelt: Souvenir de Newsteed Abbey (Chateau de Lord Byron), Pensée funèbre; aber in grellem Contraste ist hinter dasselbe das bereits erwähnte Scherzo des Streichquartetts gestellt, übrigens trotz seiner Versetzung nach Gesdur in großentheils auffallend dürftig klangloser Uebertragung.
      Das Finale mit dem Berlioz’schen Motto Au diable tout

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erfüllt ein schmerzlicher Galgenhumor. Ruhelos leidenschaftlich und verbissen stürmt es dahin, kaum ab und zu einmal die fortwährend eigensinnig festgehaltene Haupttonart verlassend, als häufigen Nachsatz eine consequent sich widerholende harmlose Rosalie, als Seitensatz dagegen

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welcher sich sehr bald nach Adur wendet und darin verbleibt, später den Hauptsatz variirend und figurirend, die Melodie mit der linken Hand unwirsch-halsbrechend über die rechte hinwegwerfend; hierauf noch ein kurzes pesante lento, und wiederum kopfüber fortstürmend bis zum Schluß. –
      Die Grand Polonaise trägt den Zusatz: quasi Rhapsodie simphonique polonaise I und ist in der That ein höchst ausgeprägt polnisch nationales Charakterstück zugleich durch Verwebung verschiedener Nationalmelodien. Der Anfang fesselt durch chevalereske, feurige Energie, im weiteren Verlaufe wird dagegen die Structur noch lockerer und rhapsodischer, wie in den zuvor bespr. W.; mit glänzendem und feurigem, öfters mächtiger packendem Aufschwunge oder seelenvolleren Cantilenen wechselt, abgesehen von Härten oder Monotonie der Begleitung, so manches (meist leicht zu beseitigende) ermüdende Ergehen oder Wiederholen. Ein Sprung von S. 11 zu 14, Z. 2, T. 2 und von S. 15 vorletzer Tact zu S. 17 möchte der Ermüdung des Interesses sehr wohlthuend vorbeugen.
      Das Arrangement der Chopin’schen Etude für Violoncell und Pianoforte ist als ein sehr glücklicher Griff zu bezeichnen, weil nicht bald ein Stück jenes sonst so spezifischen Pianoforte-Tondichters eine solche Bearbeitung so nahe legt, wie dieses. Abgesehen von der in diesem Falle durchaus zu billigenden Transposition um einen halben Ton höher ist die Uebertragung mit großer, ja fast zu großer Treue geschehen (dem Pianoforte hätten unbeschadet derselben zuweilen noch einige Bereicherungstöne hinzugefügt werden können), auch möchte sich wegen Einzelnheiten der Stimmführung rechten lassen, z. B. wo ein Instrument dem andern den letzten Auflösungston wegnimmt, wie S. 4, letzte Zl., wo T. 2 im Basse d statt f und im Violoncell der Vorschlag d a (statt f) heißen, oder S. 5, Z. 2, wo im Pft. im Baß das eingestrichene f (ohne d) statt des kleinen f stehen muß. Unbeschadet dieser ganz unwesentlichen Einzelnheiten ist die Bearbeitung als eine werthvolle Bereicherung hervorzuheben. Und von

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Neue Zeitschrift für Musik - Notizen und Artikel über Werke von Ladislas Tarnowski 1870-1878. C. F. Kahnt, Leipzig 1870-1878, Seite 336. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Neue_Zeitschrift_f%C3%BCr_Musik_-_Notizen_und_Artikel_%C3%BCber_Werke_von_Ladislas_Tarnowski_1870-1878.pdf/22&oldid=3133531 (Version vom 1.6.2018)