| Carl Eduard Kirmsse: Ein offener Brief an Herrn Dr. Karl Bock, sein Votum in Angelegenheiten der Medicinalreform in Sachsen betreffend | |
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bei Erforschung der Krankheit hat fussen können und sollen. Es hat auch vor der Zeit der physiologischen Schule und vor der Kenntniss der von ihr dargebotenen Hülfsmittel rationelle Aerzte gegeben, und nicht erst in der Jetztzeit fragt man bei Erforschung eines krankhaften Zustandes: welches Organ leidet, und auf welche Weise ist es ergriffen? Die pathologische Anatomie ist zwar seit der Zeit, wo die Anatomen aufhörten, zugleich praktische Aerzte zu sein, der Pathologie mit Unrecht immer mehr und mehr entfremdet worden; allein es ist schon ziemlich lange her, dass man den Fehler dieser Trennung einsah und eine Vereinigung beider Doctrinen wiederherzustellen sich bemühte. Dass man, eingedenk der früheren Theorien, welche entweder blos die Materie des Lebens oder blos das geistige Verhältniss des Organismus berücksichtigten, den philosophischen Speculationen zu weite Thore geöffnet hat und, von Illusionen ergriffen, in leere Phrasenmacherei verfiel und sich dabei hauptsächlich an die Symptome hielt, kann nicht geleugnet werden. Doch auch physiologische Aerzte bekennen, dass manche Symptomengruppen mit einem gewissen Rechte bestehen; und man gibt allgemein zu, dass das Streben der besseren Aerzte aus der sogenannten alten Schule längst dahin gegangen ist, den Parallelismus der organischen Metamorphose und des Lebensprocesses auch in den Krankheiten gehörig aufzufassen; man gibt zu, dass sich schon längst ein freimüthiger Skepticismus gegen willkürliche Dogmen erhoben hat. Wer es ehrlich mit seiner Wissenschaft meint, der fühlt nicht nur das Bedürfniss eines nöthigen Umschwungs der Verhältnisse, sondern begrüsst auch freudig den Fortschritt, Herr Professor! Vielen aber, ach! und sehr Vielen ist die Bequemlichkeit zur andern Natur geworden; und Viele sind gleichgültig, flau und geringschätzig, selbst wenn es auf Gesundheit und Leben ankommt, Nicht mit Unrecht lassen Sie daher solcher denkfaulen Routine Verachtung und Züchtigung zu Theil werden, und wer sich getroffen fühlt, der sorge nur, dass er sich etwas schneller fortbewege und nachfolge, wenn ihm Andere natürlich zu seinem Ver-
Carl Eduard Kirmsse: Ein offener Brief an Herrn Dr. Karl Bock, sein Votum in Angelegenheiten der Medicinalreform in Sachsen betreffend. Julius Helbig, Altenburg 1846, Seite 10. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Offener_Brief_an_Karl_Bock.pdf/10&oldid=- (Version vom 14.10.2025)