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Seite:Offener Brief an Karl Bock.pdf/11

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„uncollegialisch“ vorausgehen. Der Tag ist endlich erschienen, wo man ein ernstes Gericht hält über die Lebendigen und – die Todten. – Ohne „Namen“ für die Krankheiten und ohne „Capitelüberschriften“ wird die physiologische Medicin übrigens auch nicht sein können; und wenn man jene Namen nach den vorhandenen Symptomen und nicht nach den zu Grunde liegenden Störungen gewählt hat, so konnte dies dem Standpuncte der Medicin gemäss nicht wohl anders sein. Zum Lachen reizen muss aber die Sucht nach Erfindung immer neuer Namen, womit die Wissenschaft, ohne dadurch nur im Geringsten gefördert zu werden, noch tagtäglich überschwemmt wird. Geräth man nicht in Gefahr, vom Kinnbackenkrampf befallen zu werden, wenn man nur zwei Worte, wie Aeroorganoectasie, Urethrocystaneurismatolomie aussprechen soll? Sonderbar! Und was sagen Sie, Herr Professor, zu der naturhistorischen Medicin, nach welcher die Krankheit ein nach eignen Gesetzen vegetirender niederer Organismus, ein in den Körper eingedrungener Parasit ist? War es etwa nicht der Erwähnung werth, dass ihre Anhänger mit denen der physiologischen Schule noch heut zu Tage um den Preis der Anerkennung ringen? Die sächsischen Aerzte, denen Sie so derbe Lection geben, wissen doch gewiss davon, dass es jetzt natürliche Krankheits- oder Schmarotzer-Familien gibt, die, wenn sie über einen Menschen herfallen, ihm, wie die Krankheitsfamilie Rheuma, Arm und Beine zermalmen, oder ihm, wie die Familie Typhus, das Fleisch schmarotzend vom Körper nagen und ihn zuletzt verschlingen. Ich denke mir darunter van Helmont’s zum Zorn gereizten Archäus mit seiner Frau, seinen Kindern und Schwiegersöhnen. Ist’s nicht so, Herr Professor? Und kann man nicht mit Recht sagen, dass die Medicin, statt vorwärts, rückwärts schreitet, wenn die naturhistorische Schule mit ihren weltberühmten Autoritäten eine alte sinnbildliche Darstellung der Krankheitsentstehung aus einer Zeugung jetzt wörtlich nimmt und diese Vergleichung zur Basis ihrer Theorien macht?

Empfohlene Zitierweise:
Carl Eduard Kirmsse: Ein offener Brief an Herrn Dr. Karl Bock, sein Votum in Angelegenheiten der Medicinalreform in Sachsen betreffend. Julius Helbig, Altenburg 1846, Seite 11. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Offener_Brief_an_Karl_Bock.pdf/11&oldid=- (Version vom 14.10.2025)