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Seite:Offener Brief an Karl Bock.pdf/12

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Ihre Aussage, dass Brustentzündungen ohne Husten, Brustschmerzen, Auswurf, Fieber u. s. w. vorkommen können, wird Manchem eine neue Lehre scheinen, doch ich habe selbst erlebt, dass die in den Leichen Blödsinniger vorgekommene förmliche Lungenschwindsucht überraschte. Damals glaubte ich wohl mit Recht, dass der irre Zustand der Seele den natürlichen Ausdruck krankhafter Gefühle so verdränge und verwische, dass z. B. wichtige Leiden der Respirationsorgane sich nur unmerklich offenbaren; und ich war damals überzeugt, dass unter solchen Umständen selbst die physikalische Diagnostik keinen Aufschluss geben könne. In Bezug hierauf bin ich jedoch bald anderer Meinung geworden und klage mich an, dass ich damals nicht gelernt hatte, die zur Untersuchung dargebotenen Hülfsmittel gehörig zu benutzen.

„Untersucht man,“ sagen Sie, nachdem Sie von sogenanntem fieberhaften Zustande gesprochen haben, „mit unseren jetzigen Augen und Ohren, so ergeben sich gewöhnlich Krankheiten wichtiger Organe, vorzüglich der Lungen und des Herzens!“ Die Sectionen weisen dies allerdings oft zur Beschämung der Aerzte nach, Herr Professor, und strafen den Heilkünstler Lügen, der da meint, „es habe dem Kranken bei Lebzeiten nichts an der Brust gefehlt, und dergleichen Verwachsungen seien weiter nichts; sie kommen bei Gesunden auch vor.“ Solche Meinungen entspringen, wenn man die Wahrheit sagen soll, entweder aus der Unkenntniss, dass Entzündungen der Brustorgane auch ohne auffallende Symptome vorkommen, oder wohl noch häufiger aus dem Umstande, dass die trägen Herren Doctoren, Medicinal- oder Sanitätsräthe oder Protomedici, Leibärzte und Geheimeräthe sich keine Mühe geben, sie zu ihrer sinnlichen Wahrnehmung zu bringen. Ich habe, theils im Beisein Dr. Hayner’s in Colditz, theils in meiner Privatpraxis, zusammen 123 Leichen geöffnet und bei den meisten die Folgen früher überstandener Rippenfellentzündungen, Lungenentzündungen, Herzbeutel- und Herzentzündungen wahrgenommen und will dies nur anführen, damit es

Empfohlene Zitierweise:
Carl Eduard Kirmsse: Ein offener Brief an Herrn Dr. Karl Bock, sein Votum in Angelegenheiten der Medicinalreform in Sachsen betreffend. Julius Helbig, Altenburg 1846, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Offener_Brief_an_Karl_Bock.pdf/12&oldid=- (Version vom 14.10.2025)