| Carl Eduard Kirmsse: Ein offener Brief an Herrn Dr. Karl Bock, sein Votum in Angelegenheiten der Medicinalreform in Sachsen betreffend | |
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nicht scheine, als wolle ich Ihrer Meinung grundlos beistimmen.
Für den Laien muss es allerdings erschrecklich klingen, wenn Sie behaupten, dass es Aerzte gebe, die zur Erforschung einer Krankheit ihre fünf Sinne zu gebrauchen nicht gelernt haben, und dass sie daher eigentlich gar nicht im Stande seien, einen Kranken gehörig zu untersuchen und wirklich zu wissen, was demselben fehle. Es klingt erschrecklich, sage ich, und doch sind alle Sinne nur immer auf das Praktische, d. h. um den Andrang der gläubigen Menge zu befriedigen, auf das Receptschmieren gerichtet, und es bleibt da keine Zeit übrig, etwa Alles genau zu untersuchen. Man sieht es diesen Herren an, dass sie gerade das Gegentheil von Jenem sind, der da sagt: „ich bin ein Kenner der Bedürfnisse der leidenden Menschheit geworden, weil ich mit meinen Kranken körperlich und geistig mitgelitten, mitgekämpft und mitgefühlt, weil ich mit ihnen den Krankheiten des Leibes, den Leidenschaften des Geistes tief in’s Auge geschaut, sie umfasst, mit ihnen gerungen; weil der Weheruf und Jammer der Leidenden mitunter aus meiner eigenen Brust gedrungen, weil ich meine Erfahrungen mit meinem Herzen bezahlt habe.“
Was sind Erfahrungen? Und was sind die Erfahrungen der Aerzte werth, die genau zu untersuchen nicht gelernt haben, und die ihre Trägheit nur immer mit den Worten beschönigen: „In’s Innere der Natur dringt kein erschaffner Geist?“ Das können nur immer Täuschungen und traurige Erfahrungen sein; und wenn diese Herren im beschwerlichen Dienste des Aeskulap grau geworden oder so alt wie Methuselem wären, ich kaufte sie ihnen nicht ab um einen Schilling und wiederhole den Ausruf Wunderlich’s: „Mancher taumelt ein halbes Jahrhundert von Bett zu Bett und verschreibt Recepte und bleibt doch ein Ignorant.“ Merkt euch dies, ihr jungen Herren, die ihr euch in den Strahlen solcher wissenschaftlichen Sonnen erwärmen wollt, ihr werdet keine Daguerrischen Lichtbilder abgeben; denn während ihr euch mit gegenseitigem Neide bemühet,
Carl Eduard Kirmsse: Ein offener Brief an Herrn Dr. Karl Bock, sein Votum in Angelegenheiten der Medicinalreform in Sachsen betreffend. Julius Helbig, Altenburg 1846, Seite 13. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Offener_Brief_an_Karl_Bock.pdf/13&oldid=- (Version vom 14.10.2025)