Seite:Offenes Sendschreiben an die evangelisch-lutherische Geistlichkeit in Bayern in der Gesangbuchssache.pdf/11

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

fort und fort auf bessere, gelegenere Zeit vertrösten lassen? Ei, wann wird denn diese kommen? oder ist sie etwa schon vor der Thüre? Ich sehe noch nichts davon. Was für eine Zeit erwartet man denn? Etwa eine solche, da es keine Ungläubigen, keine Kirchenverächter, kein bürgerliches und kein kirchliches Proletariat mehr geben wird? Ists möglich, daß wir Geistliche auf solche Zeit warten können?

 Wie stehts aber um den Kostenpunkt, auf den ein so gewaltiges Gewicht gelegt wird und der von Vielen für einen unübersteiglichen Berg von Hindernissen und Schwierigkeiten gehalten wird? Was diesen Punkt anbetrifft, so kann ich mich auch durch ihn nicht abschrecken lassen. Man trägt Bedenken, den Gemeinden die Anschaffung eines neuen Gesangbuches zuzumuthen. Ei, wenn man so außerordentlich schonend seyn will, warum trägt man denn kein Bedenken, den Gemeinden alljährlich 18000 fl. für 18000 Exemplare eines Gesangbuches abzunehmen, von dem kaum der zehnte Theil der Lieder brauchbar ist, und den Gemeinden zuzumuthen, die übrigen unnützen neun Zehntheile mitzukaufen, ja auch für diese noch den Aufschlag zu entrichten? Ist das nicht ein großer Widerspruch, wenn nicht gar was Aergeres?

 Gesetzt nun, daß die Einführung eines guten Gesangbuches einen nicht unbedeutenden Kostenaufwand für einige Zeit verursacht, so darf dieser doch gewiß nicht so hoch angeschlagen werden, wenn es gilt, etwas anerkannt Unbrauchbares und Schlechtes, ja Schädliches aus Kirche und Schule hinaus zu schaffen, und einem wesentlichen und dringenden Bedürfnisse durch ein Besseres abzuhelfen, was geschehen kann, wenn nur erst einmal den Gemeinden hinsichtlich der Ausgeburt einer ungläubigen Zeit reiner Wein eingeschenkt worden ist. Irre ich nicht, so wird auch dieser Punkt weniger von wahren Kirchenfreunden im Laienstande, als von den Geistlichen in den Vordergrund gestellt. So oft ich noch den Diöcesansynoden beigewohnt habe, war mir die Verhandlung über das Gesangbuch, und in specie über den Kostenpunkt, jedesmal der unerquicklichste Theil der ganzen Synode; ja, ich sage es frei heraus, ein großes Aergerniß. Zuerst wurde im öffentlichen