Seite:Offenes Sendschreiben an die evangelisch-lutherische Geistlichkeit in Bayern in der Gesangbuchssache.pdf/14

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wird, wirkt, wenn es sich einmal dem Gedächtnisse vest eingeprägt hat, oft mehr, als die längste Predigt und als stundenlanges Lesen in der heiligen Schrift. Dieses, und nicht blos die Vorliebe für das in der Jugend Gelernte und Gewohnte, ist ein Hauptgrund, warum so viele bejahrte und kranke Laien so sehr an den alten Liedern hängen.

 Man könnte mir für’s andere entgegnen, daß ich die Bemühungen der Generalsynoden zur Erzielung eines besseren Gesangbuches nicht anerkennen wolle. Hierauf erwidere ich, daß ich gar wohl zu würdigen wisse, was bei den Generalsynoden in dieser Angelegenheit schon geschehen ist, – erlaube mir aber auch zu bemerken, daß ich die veste Ueberzeugung habe, daß trotz aller Bemühungen der auf diesen Synoden für ein besseres Gesangbuch stimmenden Mitglieder in so lange nichts Ersprießliches zu hoffen sey, als bei der Abstimmung die Stimmen gezählt und nicht gewogen werden, und als an dem Grundsatze festgehalten wird, daß zwei Drittel jeder Gemeinde für Einführung eines neuen Gesangbuches stimmen müssen. Sollte endlich gar noch darauf gedrungen werden wollen, daß ein und dasselbe Gesangbuch zugleich in allen Gemeinden, etwa gar zwangsweise, eingeführt werde, so möchte unsere Kirche in dieser Hinsicht wohl auch noch die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts hindurch eine seufzende Creatur bleiben.

 Wie soll nun aber den Gemeinden, welche nach einem guten Gesangbuche Verlangen tragen, zu einem solchen verholfen werden? Dazu sehe ich nur Einen Weg vor mir, und das ist der Privatweg. Kann auf diesem Wege nur einmal erst ein von tüchtigen Männern als gut befundenes Gesangbuch den Gemeinden empfohlen werden und sind für dasselbe nur erst gegen fünfzig Gemeinden, denen gewiß bald andere nachfolgen werden, gewonnen worden, sollte dann von dem Kirchenregimente für diese Gemeinden die Genehmigung zur Einführung nicht erbeten werden können? Oder sollte es ohne erwünschten Erfolg bleiben, wenn sich vielleicht hundert Geistliche zu der Erklärung an das Kirchenregiment vereinigen würden, daß sie bisher mit stetem Widerstreben ihres Gewissens aus dem anerkannt schlechten Gesangbuche haben singen lassen,