Seite:Offenes Sendschreiben an die evangelisch-lutherische Geistlichkeit in Bayern in der Gesangbuchssache.pdf/4

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mit einer Ansprache über unser Gesangbuch, das er für ganz vortrefflich erklärte, weßhalb sich’s die vernünftig Denkenden nicht nehmen lassen dürften, einführte. Gewiß ein sprechender Beweis für meine Behauptung, daß ein Gesangbuch, welches der Liebling der Glaubenslosen ist, unserer Kirche und unserem Stande nicht zur Ehre gereichen kann.

 Fürs Zweite wünsche ich, daß mein offenes Wort, wenn es gewürdigt werden sollte, in Kreisen geliebter Amtsbrüder besprochen zu werden, etwas zur baldigen Beseitigung dieses einen, und gewiß nicht des geringsten, Nothstandes in unserer Kirche beitragen möchte. Sollte ich mich aber mit meinen Behauptungen im Irrthume befinden, so wünsche ich endlich noch zur Beruhigung meines Gemüthes und Gewissens, daß ein in dieser wichtigen Sache richtiger sehender Amtsbruder die Mühe nicht scheuen möchte, mich mit sanftmüthigem Geiste eines Bessern zu belehren, und sich dafür im Voraus meines herzlichsten Dankes versichert zu halten.

 Nachdem die großen und mannichfachen Gebrechen unseres Gesangbuches von hochgeachteten gläubigen Männern schon so oft sattsam dargethan worden sind, kann es mir nicht mehr in den Sinn kommen, dieselben hier nochmals aufzuzählen; eben so wenig will ich mich bei der Frage aufhalten: „wie es möglich war, daß ein solches Machwerk je zur allgemeinen Einführung gelangen konnte?“, da Jedermann die Zeit wohl kennt, in der es über Pausch und Bogen zusammengeschrieben und mit aller Eile eingeführt worden ist, und weiß, daß es zur Zeit des flachsten Rationalismus geschah, da der Hirten und Heerden gar viele schliefen, und darum jene thun konnten, was sie wollten, und diese mit sich machen ließen, was beliebte. Wer könnte von solch’ einer Zeit auf dem Gebiete der Kirchenbücher etwas anderes als Mißgeburten erwarten! Ich führte das Gesangbuch bei meiner ersten Gemeinde am Reformationsfeste ein und klage mich heute noch darüber an, daß ich so verblendet war, ein Gesangbuch zu empfehlen, das mit meiner damals gehaltenen Predigt über die Verpflichtung, vest an der evangelisch-lutherischen Lehre zu halten, im offenen Widerspruche stand.

 Ich will vielmehr mein Befremden darüber laut werden lassen,