Seite:Offenes Sendschreiben an die evangelisch-lutherische Geistlichkeit in Bayern in der Gesangbuchssache.pdf/7

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abgelegten Glaubensbekenntnisse und den Aeußerungen und Beschlüssen derselben in der Gesangbuchssache einen Widerspruch.

 Wenn ein deutsch-katholischer Redner uns die Zumuthung machen würde, ihm unsere Kirche zur Widerlegung der Lehre von der Gottheit Christi, von der Rechtfertigung, von Taufe und Abendmahl, von der Auferstehung Christi und seiner Glieder zu öffnen, es würde diese Zumuthung ganz gewiß von uns allen mit größter Indignation zurückgewiesen werden; was soll man aber dazu sagen, daß im Kirchengesangbuche Lieder stehen, die einen Ronge, Dumhof oder Bierdimpfel zum Verfasser zu haben scheinen, Lieder, um welcher willen diese Herren unser Gesangbuch bei ihrem Götzendienst so gerne gebrauchen?

 Es zeigt sich jetzt allenthalben ein großer Eifer für die äußere und innere Mission; man sagt, daß dieses Sache der Kirche und eines jeden Christen seyn soll, und auch ich stimme dem von Herzen bei; man sagt, daß man Rettungshäuser für verwahrloste Kinder bauen, Vereine zur Verbreitung guter Schriften gründen soll u. s. w.; das Alles ist auch mir aus der Seele geredet. Aber ich frage, soll und muß, wenn für das eine und andere mit Segen gewirkt werden will, nicht auch auf das nächste und wesentlichste Bedürfniß für Kirche, Schule und Haus – ein gutes Gesangbuch – Bedacht genommen werden? Die Heiden bekehren, dem schauerlichen Proletariate aufhelfen wollen, und doch nicht so viel Herz für die eigene Kirche haben, daß man den alten Sauerteig – das schlechte Gesangbuch – ausfege, scheint mir ein schreiender Widerspruch zu sein.

 Es wird ferner von uns Geistlichen gegen viele unkirchlich gesinnte Schullehrer und gegen schlechte Schulbücher geeifert, was gewiß sehr an der Zeit ist. Ist es aber nicht recht inconsequent, wenn die evangelisch-lutherische Geistlichkeit fortwährend ein Gesangbuch in der Schule gestattet, dessen Schädlichkeit alle einsichtsvollen und treuen Freunde der Kirche und der Schule auf unwiderlegliche Weise dargethan haben? Gewinnt es nicht leicht den Anschein, als ob die Geistlichen nur gerne gegen unkirchliche und ungläubige Schullehrer eifern, während sie doch keine ernstlichen