Seite:Offenes Sendschreiben an die evangelisch-lutherische Geistlichkeit in Bayern in der Gesangbuchssache.pdf/9

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haben gefehlt; sie glaubten genug zu thun, wenn nur alles in den Tabellen und in den Acten richtig stände, während es im Leben ganz anders aussah; sie haben es bewenden lassen bei den Formen, beim Normiren, Rescribiren und Sanctioniren; der Geschäftsgeist hat gewaltet, aber der Gebets- und Glaubensgeist ist selten geworden. Aber auch wir, eure Lehrer und Seelsorger haben gefehlt, wir haben uns gegen euch versündigt; wir haben nicht genug Treue bewiesen bei der Seelsorge in eueren Häusern und bei der Verkündigung des göttlichen Wortes; wir haben euch nicht priesterlich genug auf dem Herzen getragen; wir waren nicht brünstig genug im Bitten, im Beschwören, im Vermahnen, im Warnen, wir haben das Verirrte nicht treulich genug gesucht, sind dem Verlornen nicht genug nachgegangen; ja wir haben es an diesem Allem so fehlen lassen, daß ganze Horden von Proletariern heranwachsen konnten, die wir nicht mit dem Brod und Wasser des Lebens gespeist und getränkt haben. Darüber beugen wir uns und bekennen unsere Schuld dem Herrn.“

 Die Gemeinden haben gewiß auch uns allen – ach, wer wüßte sich ganz schuldfrei! – Manches vorzuwerfen, obschon auch von uns Vielen entgegengehalten werden kann, was Hofacker weiter sagt:

 „Aber auch du Gemeinde hast gesündiget und hast das theure Evangelium oft gleichgültig angehört, und hast es nicht zur Kraft und zum Leben kommen lassen, zur Besserung und Reinigung deines Lebens; du hast in vielen deiner Glieder das angebotene Heil nicht angenommen; ja! ich habe die Ueberzeugung, daß viele ihre Herzen verriegelt haben gegen diesen Ruf zur Buße und Belehrung. Der selige Dann sagte mir einst: „Wenn ich an ein Krankenbette gehe, so nehme ich jedesmal einen ganzen Bund Schlüssel mit; ich versuche es mit diesem und jenem Schlüssel aus dem Worte Gottes an den Herzen der Kranken, aber es geht nicht auf. Warum? Weil es inwendig verriegelt sey.“ Geliebte! Vieler