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Liste.png Marie Petersen: Prinzessin Ilse

nicht Scharen von guten Engeln auf die Erde herab gestiegen und hatten sie sorglich auf den rechten Pfad geleitet. –

So wie die langen Züge der Hochgebirge aus der Fluth empor tauchten, so kamen die Engel auf ihre Gipfel herab und stiegen von allen Seiten langsam in die Thäler, die Wasser vor sich her treibend. Und wie sie tiefer und tiefer herab kamen, so ordneten sie den Lauf der Ströme und Bäche, steckten dem Meer seine Gränzen ab, und schlossen die See’n fest ein in zackige Felsenketten, oder in grüne Wald- und Wiesengürtel. Mit breiten Windfegern und Bürsten von Sonnenstrahlen hantirten sie dann auf der nassen Erde herum, bürsteten den Schlamm aus dem Grase, trockneten das schwere Laub der Bäume und waren so geschäftig drüber her, daß der viele Wasserstaub, den sie aufgestört, wie duftige Nebelschleier in den Klüften des Gebirges hing.

Die Arbeit hatte schon manchen Tag gedauert und war ihrem Ende nahe, als ein müder Engel ausruhend auf einem der höchsten Gipfel der Alpen saß. Er hatte von dort einen weiten Ueberblick nach Nord und Süd, nach Ost und West, und schaut sinnend hinab auf die grüne Erde, die so hold und jugendfrisch aus dem großen Bad der Sühne empor getaucht war. „Wie lieblich ist sie“, dachte er, „wie strahlend in ihrer Reinheit! – Wird sie sich denn aber so rein erhalten? – Wird das Sündenelend und all der Sündenschmutz, der mit so vielem Wasser hier abgewaschen wurde, nicht wieder aufkeimen? Wird die Stünde nie wieder ihren schwarzen Finger auf das blühende Antlitz der gereinigten Erde drücken?“ – Ein banger, ahnungsvoller Seufzer hob die Brust des guten Engels, und er wendete sein geblendetes Auge ab von der Morgensonne, die blutroth flammend am Horizonte empor

Empfohlene Zitierweise:
Marie Petersen: Prinzessin Ilse. Alexander Duncker, Berlin 1857, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Prinzessin_Ilse_(Marie_Petersen).pdf/13&oldid=- (Version vom 1.8.2018)