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Liste.png Marie Petersen: Prinzessin Ilse

aber das Köpfchen in die Höhe und sprach ganz schnippisch: „Vergessen bin ich gar nicht, – die alte Weser hat lang genug gewartet und gewinkt und gerufen, daß ich mitkommen sollte, – und Ecker und Ocker wollten mich anfassen; aber ich mochte nicht mit, durchaus nicht, und wenn ich hier oben verschmachten müßte. Sollte ich in die Thäler hinab steigen, wie ein gemeiner Bach zu schnödem Dienst durch die Ebene laufen, den Rindern und Schafen zu trinken geben und ihre plumpen Füße waschen, – ich, die Prinzessin Ilse?! – Schau mich nur an, ob ich nicht von edelsten Geschlecht bin. – Der Lichtstrahl ist mein Vater und die klare Luft meine Mutter; mein Bruder ist der Diamant, und die Thauperle im Rosenbettchen mein geliebtes, kleines Schwesterlein. Die Wellen der Sündfluth haben mich hoch empor getragen: – ich hab’ die Schneegipfel der Urgebirge umspülen dürfen, und der erste Sonnenblitz, der das Gewölk durchbrach, hat mein Kleid mit Flittern gestickt. Ich hin eine Prinzessin vom reinsten Wasser und kann wahrlich nicht in’s Thal. Da hab’ ich mich lieber versteckt und mich schlafend gestellt, und die alte Weser mit den dummen Bächen, die nichts Besseres zu thun wissen, als ihr in die Arme zu laufen, hat endlich brummend abziehen müssen."

Der Engel schüttelte traurig sein Haupt zur langen Rede der kleinen Ilse und blickte sehr ernst und prüfend in ihr blasses Gesichtchen; – und wie er lange und fest hinein schaute in die offnen blauen Kinderaugen, die heute helle Zornesfunken sprühten, da sah er in ihrer klaren Tiefe dunkle Punkte sich regen und erkannte, daß ein schlimmer Gast im Köpfchen der kleinen Ilse sein Wesen trieb. Das Hochmuthsteufelchen war dort eingezogen, hatte alle frommen Gedanken hinaus getrieben und blickte den guten Engel neckend an aus den Augen der armen, kleinen Ilse. Das

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Marie Petersen: Prinzessin Ilse. Alexander Duncker, Berlin 1857, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Prinzessin_Ilse_(Marie_Petersen).pdf/15&oldid=- (Version vom 1.8.2018)