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Liste.png Marie Petersen: Prinzessin Ilse

ihr plötzlich der Gedanke, zu entfliehen. „Fort, fort!“ flüsterte sie, „gleich viel wohin“, und schnell, wie der Gedanke entstanden war, saß sie auch schon auf dem Rand der Schale, ließ ihre weißen Füßchen und die durchsichtigen Gewänder drüber hinaus hängen, und sich noch mit beiden Händen festhaltend, schaute sie ängstlich zurück, ob auch Niemand sie bemerke.

Es hatte aber Keiner Acht auf die kleine Prinzessin; nur der gute, alte Mond stand oben und lachte sie unverwandt an. Zu dem aber blickte sie mit den thränenden Augen so kindlich bittend empor und legte das Fingerchen auf den Mund, daß er’s gewiß nicht über’s Herz bringen konnte, sie zu verrathen, wenn man ihn ja fragen sollte, wo die kleine Ilse geblieben.

Die kleine Ilse also, da sie sich ganz unbeobachtet sah, ließ sich los und wollte ganz sanft und leise auf den Boden hinab gleiten. Die Schale war aber hoch und der Granitblock, auf welchem sie stand, noch höher, und so sehr die Kleine sich auch in Acht nahm, es hatte doch ein bischen geplantscht, als sie auf den Boden herunter kam; und in großer Angst, daß man sie hören möchte, schlüpfte sie behend unter ein paar große Steine. Ihr Sternenkrönchen hatte sie bescheidentlich abgenommen und in der Schale liegen lassen. Die Hoffahrt hatte ihr wenig Lust gebracht, und jetzt kam’s ja nicht darauf an, die Prinzessin zu sein, sondern nur recht still und ungesehen davon zu komnen.

Zitternd schmiegte sich das Quellchen an die Steine und bat, daß sie es beschützen möchten, — und die alten Steine, die noch nie ein solch junges, pulsirendes Leben an ihrer harten Brust gefühlt hatten, fanden sich wundersam gerührt und drängten sich dicht um das Prinzeßchen zusammen, daß kein Auge, nicht einmal das des Mondes,

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Marie Petersen: Prinzessin Ilse. Alexander Duncker, Berlin 1857, Seite 23. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Prinzessin_Ilse_(Marie_Petersen).pdf/25&oldid=- (Version vom 1.8.2018)