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Seite:Relativitätsprinzip und Äther.djvu/34

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Emil Wiechert: Relativitätsprinzip und Äther, Physikalische Zeitschrift, Bd. 12, Teil 1: S. 689-707, Teil 2: S 737–758

bei den Umlagerungen zu neuen Molekülen, bei den radioaktiven Zersplitterungen usw. als äußerst komplizierte Körper denken. Vor unseren geistigen Blicken tut sich hier eine neue Welt des Kleinen auf. Alledem gegenüber ließ sich bisher in dem von sinnlich wahrnehmbarer Materie freien Feld, wo der Äther allein anzunehmen ist, keine Spur von Differenzierung entdecken. Sollte also auch der Äther atomistisch gebaut sein, wie man wohl vermutet hat, so müßte seine Struktur jedenfalls sehr viel feiner als die der sinnlich wahrnehmbaren Materie sein. — Bei der Annahme, daß die Materie und der Äther gleichartig seien, kommt auch nicht die doch höchst bemerkenswerte Erfahrung zur Geltung, daß nach dem Fizeauschen Versuch über die Lichtbewegung in strömender Flüssigkeit und überhaupt nach dem ganzen elektrodynamischen Verhalten der Materie auch in ihrem Innern noch ein Gegensatz angenommen werden muß zwischen beweglichen Atomen und Molekülen und einem elektrodynamischen Feld, welches an den Bewegungen dieser Atome und Moleküle nicht teilnimmt. Beachtenswert ist ferner auch, daß gerade die Konstanz der Elektrisierung sich als eine Folge der elektrodynamischen Feldgleichungen ergibt; der Äther scheint hiernach Anteil an der atomistischen Konstitution der Materie zu haben, und es deuten sich so Zusammenhänge an, für welche die Annahme einfacher Dichteunterschiede keineswegs der rechte Ausdruck zu sein scheint. — Auch heute noch möchte ich über das gegenseitige Verhältnis von Äther und Materie die vorsichtigen Worte wiederholen, die ich in einem Vortrage[1]) im Januar 1897 aussprach: „Der ‚ruhende Äther‘ und die ‚bewegliche Materie‘ sind als Bilder aufzufassen, die wir von unserem menschlichen Standpunkt aus in der Natur sehen, und von denen wir nicht wissen, was ihnen in Wirklichkeit entspricht. Sich darüber Gedanken zu machen, ist gewiß interessant, aber für die Beschreibung der Naturerscheinungen vorläufig noch nicht notwendig. Für uns genügt es völlig, festzustellen, daß alles sich so zuträgt, als ob zwei solche Dinge, wie der ruhende Äther und die bewegliche Materie vorhanden wären. Wir können es ganz der zukünftigen Wissenschaft überlassen, uns näher an diese scheinbaren Dinge heranzuführen und unsere Vorstellungen zu vertiefen.“ —

Als Verteidiger des Äthers möchte ich hier noch einige Worte gegen die in § 8 mitgeteilten Ausführungen der Herren Einstein und Campbell anknüpfen.

A. Einstein äußert die Meinung, die elektromagnetische Feldenergie sei etwas Ähnliches wie die Materie, sie habe insbesondere mit dieser die Eigenschaft der Trägheit gemeinsam. Hierzu ist zunächst zu sagen, daß bei der innigen Verbindung zwischen Äther und Materie sich ganz gewiß Parallelen zwischen dem Verhalten der Materie einerseits und den Erregungen im Äther andererseits ziehen lassen. Aber man wird doch nicht außer acht lassen dürfen, daß auch wesentliche Unterschiede bestehen. Die Materie kann beliebige Schreitungen annehmen und gerade an Änderungen dieser Schreitungen knüpft sich der Begriff der Trägheit. Im Gegensatz dazu sind die elektrodynamischen Erregungen überall da, wo sie sich frei von der Materie bewegen, an ganz bestimmte Schreitungen gebunden. Will man auch sie mit der Trägheit in Beziehung bringen, so muß man sie fesseln. In der Natur kann dieses unseres Wissens allein durch die Kerne geschehen, welche in den materiellen Atomen geboten werden. Für theoretische Untersuchungen hat man wohl auch Käfige mit spiegelnden Wänden erdacht. In beiden Fällen tritt in die Erscheinung ein Element hinein, das den Vorgängen im freien elektromagnetischen Feld völlig fremd ist.

Herr Campbell meint, wir hätten schon deswegen kein Recht, von einem Äther zu sprechen, weil uns auch bei seiner Annahme kein Mittel zu Gebote stände, eine Stelle in ihm von der anderen zu unterscheiden. Als Inhalt für den von der sinnlich wahrnehmbaren Materie freien Raum biete sich allein die Energie dar. Dagegen ist zunächst zu sagen, daß es für die Dinge in der Welt recht gleichgültig ist, wie weit die Blicke des Menschen reichen. Die objektiven Dinge würden selbst dann bestehen, wenn keine Wissenschaft je den Begriff der Energie aufgestellt hätte. Daß es ferner nicht erlaubt ist, die Aufmerksamkeit auf die Energie allein zu beschränken, zeigt sich sofort, wenn man die entsprechenden Überlegungen auf den Schall anwendet. Hier ließe sich leicht ein Stand der Wissenschaft angeben, wo nach dem Gedankengang von Campbell die Schallenergie als das allein Wirkliche übrig bliebe, und die Hypothese einer „Luft“ zurückgewiesen werden müßte. —

Auch den Einwand von N. Campbell, daß die elektromagnetische Energie der Bewegung des Körpers folgt, zu dem sie gehöre, hat keine beweisende Kraft, obgleich hier eine bedeutungsvolle Unterlage insofern vorhanden ist, als in der Tat die elektromagnetischen Erregungen stets als Superposition von Einzelerregungen aufgefaßt werden können, welche auf Rechnung der verschiedenen materiellen Körper kommen.

Empfohlene Zitierweise:
Emil Wiechert: Relativitätsprinzip und Äther, Physikalische Zeitschrift, Bd. 12, Teil 1: S. 689-707, Teil 2: S 737–758. Hirzel, Leipzig 1911, Seite 751. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Relativit%C3%A4tsprinzip_und_%C3%84ther.djvu/34&oldid=- (Version vom 3.5.2025)
  1. E. Wiechert, Über das Wesen der Elektrizität, Schriften d, Phys.-ökonomischen Ges. zu Königsberg i. Pr. 38 [3], 1897; auch: Naturw. Rundschau, Mai 1897.