Seite:Schiller-Galerie.pdf/211

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natürlich starke Mittel, wie sie in der weltbekannten burlesken Dialektik des Kapuziners geboten werden. Dieselbe dürfte wol eine Nachahmung derjenigen des unvergleichlichen Paters Abraham a Sancta Clara sein, wenigstens ist jedenfalls Schiller durch diesen unsterblichen Typus des Tons eines Kapuziners zur Färbung des seinigen angeregt worden.

So sehen wir denn im Schiller’schen Kapuziner einen Philosophen der cynischen Sorte, nicht etwa einen magern, schwarzgalligen Fanatiker, der, wie der Prediger in der Wüste, von Heuschrecken und wildem Honig lebt, sondern einen wohlgenährten, rothhaarigen, mit mächtiger Lunge und noch besserer Verdauung begabten schmerbauchigen Pfaffen vor uns, dem es weder an gesundem Menschenverstand noch an Witz, am allerwenigsten aber an bullenbeisserartiger Streitlust und an Trieb zum Intriguiren fehlt. Er ist Pater geworden nicht aus Spiritualismus, sondern weil er zu faul war, etwas anderes zu treiben, nachdem er sich in vielerlei Rollen versucht und die Nichtigkeit aller nach seiner Meinung gründlich kennen gelernt hatte. Um Kapuziner zu werden, muss man entweder ziemlich stupid und bigot sein, oder ein starkes Element von Humor und Faulheit, von cynischer Bedürfnisslosigkeit und Herrschsucht zugleich haben. Ein anderes als solch ein derbes und unverwüstliches Gewächs käme in der rauhen Luft des Lagers nicht fort.

Der Pater Provinzial hat ihn von Wien aus offenbar gut instruirt, und er tritt vollkommen gerüstet auf den Wahlplatz. Auch verfehlt er seine Wirkung im Anfang durchaus nicht, und die Soldaten ertragen ganz ruhig im Bewußtsein ihrer Verdienste die einschneidenden Belobungen, die er ihnen mit drastischer Beredsamkeit dafür austheilt. Der Wahrheit widersteht man nie, wenn man von ihr überrascht und sie mit Muth und Schneide vorgetragen wird, besonders aber, wenn ihr der Humor, die pikante Wendung das Beleidigendste nehmen; seine bilderreiche Sprache braucht der Redner daher offenbar hauptsächlich, um seine Derbheiten schmackhafter zu machen und die Hörer für sich einzunehmen.

Empfohlene Zitierweise:
Friedrich Pecht: Schiller-Galerie. F. A. Brockhaus, Leipzig 1859, Seite 186. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Schiller-Galerie.pdf/211&oldid=- (Version vom 1.8.2018)