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wie ein Frühling aus Deutschland entgegen, unabsehbar, unerschöpflich. Aus den entferntesten Gauen erwachsen mir Freunde, zu Hunderten, zu Tausenden. Erscheine ich zur Seltenheit dort persönlich, so treffe ich auf gutartige, liebenswürdige, wohlwollende, zuvorkommende Menschen, deren Gefühls- und Ausdrucksweise ich unmittelbar verstehe. Scheide ich von ihnen, so nehme ich schöne Erinnerungen mit heim und hinterlasse meinen warmen Dank.

Meine französischen Freunde dagegen kann ich an den Fingern der linken Hand abzählen, ich brauche nicht einmal den Daumen dazu und den kleinen Finger auch nicht. Und die übrigen drei kann ich einbiegen. In Frankreich reise ich als ein einsamer Niemand, umgeben von kalter, misstrauischer Fremde.

„Nun also!“ Ja inwiefern „nun also“?

Meine politische Überzeugung meinen privaten, persönlichen Freundschaftsbeziehungen nachwerfen? Aus individuellen Beweggründen einer fremden Fahne, dem Symbol einer fremden Politik, mit offenen Armen jubelnd entgegenfliegen? Oder nimmt etwa jemand daran Anstoss, dass ein Deutschschweizer die Fahne des deutschen Kaiserreiches eine fremde Fahne nennt?

Sagen Sie mir doch, warum stehen eigentlich unsere Truppen an der Grenze? Und warum stehen sie an allen Grenzen, auch an der deutschen? Offenbar, weil wir keinem einzigen unserer Nachbarn unter allen Umständen trauen. Warum aber trauen wir ihnen nicht? Und warum wird das Misstrauen von unsern Nachbarn nicht als beleidigend empfunden, sondern als berechtigt anerkannt? Deshalb, weil eingestandenermassen politische Staatengebiete keine sentimentalen und keine moralischen Mächte sind, sondern

Empfohlene Zitierweise:
Carl Spitteler: Unser Schweizer Standpunkt. Rascher & Cie., Zürich 1915, Seite 10. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:SpittelerUnserSchweizerStandpunkt.pdf/12&oldid=- (Version vom 1.8.2018)