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andere Nation hervorgebracht. Unsere Schweizer Ärzte und Krankenwärter, die aus dem Balkankriege zurückkehrten, haben uns von den Serben im Tone der Sympathie und des Lobes erzählt. Aus solchen Zeugnissen haben wir uns unsere Meinung zu bilden, nicht aus der in Leidenschaft befangenen Kriegspresse.

Belgien geht uns Schweizer an sich nichts, dagegen durch sein Schicksal ausserordentlich viel an. Dass Belgien Unrecht widerfahren ist, hat der Täter ursprünglich freimütig zugestanden. Nachträglich, um weisser auszusehen, schwärzte Kain den Abel. Ich halte den Dokumentenfischzug in den Taschen des zuckenden Opfers für einen seelischen Stilfehler. Das Opfer erwürgen war reichlich genug. Es noch verlästern ist zuviel. Ein Schweizer aber, der die Verlästerung der unglücklichen Belgier mitmachte, würde neben einer Schamlosigkeit eine Gedankenlosigkeit begehen. Denn genauso werden auch gegen uns Schuldbeweislein zum Vorschein kriechen, wenn man uns einmal ans Leben will. Zur Kriegsmunition zählt eben leider auch der Geifer.

Was endlich die Mitentrüstung über die düstern Hilfsvölker betrifft: Im Duell allerdings unterscheiden wir fair und unfair. Allein ein Krieg ist nicht eine militärische Mensur, wie etwa höhere Berufsoffiziere geneigt sind zu glauben, sondern ein bitterer Kampf um das Leben einer Nation. Wo es sich aber um Tod und Leben handelt, wird von jedermann jeder Helfer willkommen geheissen, ohne Ansehen der Person und der Haut. Wenn ein Einbrecher Sie mit dem Messer bedroht, so rufen Sie unbedenklich Ihren Haushund zu Hilfe. Und wenn Ihnen der Einbrecher adelig kommen wollte: „Schämen Sie sich nicht, ein unvernünftiges, vierfüssiges Tier gegen einen Mitmenschen

Empfohlene Zitierweise:
Carl Spitteler: Unser Schweizer Standpunkt. Rascher & Cie., Zürich 1915, Seite 19. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:SpittelerUnserSchweizerStandpunkt.pdf/21&oldid=- (Version vom 1.8.2018)