Seite:Sponsel Grünes Gewölbe Band 2.pdf/30

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des Bechers zu dem Pokal auf hohem Schaft, der schon in der Gotik seine typisch deutsche, aus der Treibtechnik entwickelte Form erhielt. Die Becherform erhielt zwei Zonen von innen heraus getriebener Buckel, deren obere Zone entsprechend weiter auslud als die untere, die weitverbreitete Form der Fischblase führte zu dem Motiv, diese Buckel reihen durch Schwanzenden mit oder ohne Grat ineinandergreifen zu lassen. Die gleiche Buckelung erhielt der Fuß und der Deckel des Pokals, die so das Hauptmotiv des Gefäßes in den geringeren Verhältnissen dieser Teile wiederholten. Mit dem in eine Spitze auslaufenden Deckel, die oft durch einen Strauß geschmückt war, klang das Aufwärtsstreben des Gefäßes von unten nach oben ohne Unterbrechung aus, ganz ebenso wie in der Architektur, an Altären und Tabernakeln, sich das gleiche Streben geltend gemacht hatte. Alle Buckel des Pokals blieben unverziert, in dem blanken Schimmer des Metalls sah man ihren besonderen Reiz. Sollte noch eine Verzierung hinzugefügt werden, dann wurde gegossenes oder ausgesägtes krauses Laubwerk zwischen den Buckeln aufgesetzt, oder ein aufsteigender Lilienkranz umgab den Rand des Deckels. Da, wo der aus dem breiteren Fuß in starker Einschweifung aufstrebende Schaft den Becher erreichte, wurde er von einem herabfallenden durchbrochenen Blätterkelch überdeckt, nicht etwa, wie man glaubte, um hier eine schwache Stelle der Konstruktion zu verdecken, als um der den Schaft umfassenden Hand das nötige Widerlager zu geben, damit diese nicht höher hinaufrutsche. Allzuviel Beispiele dieser gotischen Pokalform des 15. Jahrhunderts sind nicht erhalten. Der Corvinuspokal in Wiener Neustadt von 1462 ist ein Erzeugnis nicht mehr ganz reinen Stilgefühls durch sein die Buckelung überschneidendes Rippennetz und seine Überfülle an krausem Laubwerk. Eine reinere Form zeigt der Lüneburger Pokal von 1486 in Berlin. Dieser Pokal enthält auch an dem Gefäßkörper ein beliebtes Motiv dieser getriebenen Arbeiten: die Fischblasen greifen nicht senkrecht ineinander, sondern sie sind nach links oder rechts gewunden, um erst in die entferntere Lücke der anderen Buckelreihe einzumünden. Diese scheinbare Drehung des Gefäßkörpers um seine Achse wird bei anderen solcher Pokale auch von dem Fuß und dem Schaft, sowie dem Deckel mitgemacht, ein Motiv, das von der Technik des Eisenschmieds übernommen ist.

Diese ganze Entwicklung wurde unterbrochen durch das Eindringen der italienischen Renaissanceformen in Deutschland. Zwar bleibt hier die Grundform des Pokals auf hohem Schaft erhalten, aber sein vom Fuß bis zur