Seite:Sponsel Grünes Gewölbe Band 3.pdf/30

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dem Kentauren Nessus mit der von ihm in den Armen gehaltenen Dejanira, war leider die Rückplatte leichter abzunehmen und ist daher längst nicht mehr vorhanden. Die Art ihrer Anbringung war die gleiche wie bei dem großen Anhänger mit doppeltem A. Der weiß emaillierte Leib des sich bäumenden Pferdes ist bei aller Kleinheit der Maße ganz prächtig in der lebendigen Bewegung erfaßt, nicht minder der sich sträubende Frauenleib. Aufs glücklichste in Haltung und Bewegung wird aber die verbissene Kraftanstrengung des menschlichen Oberkörpers vergegenwärtigt und die Naturform der Perle ihr dienstbar gemacht. Die Verwendung solcher monströs gebildeten Perlen zu figuralen Darstellungen hat ihre stärkste Verbreitung zur Zeit Augusts des Starken zu Anfang des 18. Jahrhunderts gefunden; so reizvoll manche dieser späten Gebilde sein mögen und so allgemein verbreitet der Ruf dieser „Barockperlen“-Figürchen geworden ist, sie werden doch meist an Kunstwert überboten durch jene beiden Kleinode der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Noch unter den Einfluß dieser Richtung und ihr zeitlich nahezustellen ist das Kleinod der geflügelten doppelschwänzigen Sirene, das jedoch ohne Verwendung solcher Perlen erfunden ist, Tafel 2, 3. Bei dessen Entwurf war der Künstler völlig unabhängig, vielleicht mag die Erfindung durch die Erinnerung an ein Leuchterweibchen bestimmt worden sein, doch ist in der Bewegung der Flügel und der Fischschwänze reine Symmetrie gewahrt. Durch die Neigung des Kopfes und die Haltung der Arme wird diese zugunsten des lebendigen Ausdrucks wieder aufgelöst. Der Pfeil in der einen Hand, das gekrönte Herz in der anderen lassen das Kleinod als ein Liebespfand erkennen, dem auch der geflügelte Amor, an dem als Zwischenglied das Kleinod hängt, Ausdruck gibt. Ganz prächtig hebt sich der weiß emaillierte Oberkörper von dem farbigen Email der Flügel und des fischschuppigen Leibes ab. Die Freude an der Bereicherung eines solchen Schmuckstückes begnügt sich nicht daran, daß die Fischschwänze und die Schwungfedern noch mit blitzenden Demanten ausgefaßt sind, es werden auch noch Steine in Rankeneinfassung und auf Blumenkelchen hinzugefügt. Das geschieht hier noch ohne die störende Aufdringlichkeit, mit der in späterer Zeit solche Steine mit ihrer Fassung direkt auf die Leiber aufgesetzt sind. Die gleiche Sorgfalt der Arbeit und Kultur des Geschmacks ist auch an der farbigen Emaillierung der Rückseite der Sirene entwickelt. Alle drei Kleinode scheinen mir den erstgenannten drei Kleinoden noch am nächsten zu stehen.