Seite:Sponsel Grünes Gewölbe Band 3.pdf/91

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sie auf einem Fels aus Bergkristall steht, von Ranken umgeben. Sie haben mit den Fassungen der anderen Mailänder Kristalle keine Verwandtschaft. Die oberen weiter ausladenden Ranken haben pflanzenartigen, aus Blattkelchen und Hüllen sprießenden Wuchs. Solche kommen auch auf den Arbeiten Gipfels nicht vor. Die unteren Ranken sind mit ihren Einrollungen nicht pflanzenartig, sondern nach der Art von Beschlagwerk gebildet mit aufgesetzten Cherubimköpfchen. Diese Ranken erkenne ich aber auch auf jenen Werken Gipfels nicht wieder, dort sind sie weniger naturnahe und noch gespalten und durchlöchert. Beide Arten von Ranken haben nichts von dem Stil um 1600 an sich, sie könnten genau so schon 30–50 Jahre früher entstanden sein. Ebenso die silbervergoldete Einfassung am Fuß des Felsens mit ihrem Besatz von Schmuckstücken, der noch am ehesten Ähnlichkeit hat mit dem gleichen Besatz an dem silbervergoldeten Fußrand und Rahmen des Savoyischen Standspiegels. So auch die Bergkristallarbeiten. Die Kristallvase unter dem Kreuzstamm könnte sehr wohl schon der Kristallschneider jenes Spiegelschaftes gefertigt haben. Der in das flache Kreuz eingeschliffene Christus ist ganz italienisch elegant in rein körperlicher Schönheit dargestellt. Und die beiden in Gold emaillierten Figürchen haben ebenso auf schöne Pose berechnete Haltung, wenn sie sich auch unterscheiden von den Goldfiguren des Spiegels, der Teufelskanne und der Flasche. Wieder ist hier die eingravierte und schwarz bzw. blau emaillierte pflanzliche Musterung des Gewandes ohne ausgesprochenen Charakter. Aber auch an den vier Evangelisten-Symbolen auf den Kreuzarmen kann ich nichts erkennen, das für einen deutschen charakteristischer sein müßte, als für einen italienischen Meister. Alle diese figuralen goldenen Teile des Ganzen sind technisch vollendet gut ausgeführt und bilden den Hauptvorzug des Werkes. Ich komme also zu dem Schluß, das Stück ist allerdings von Gabriel Gipfel angekauft worden, aber wir haben kein Zeugnis dafür, daß er die Arbeit auch ausgeführt hat. Die Brüder Erbstein haben es leider unterlassen, in ihrem Führer des Grünen Gewölbes S. 123 den Wortlaut des Aktenstücks mitzuteilen, aus dem sie entnehmen, der Kruzifix sei die „erste aktenmäßig beglaubigte Arbeit“ Gipfels. Ebenso haben sie das Aktenstück selbst nicht zitiert und ich habe es bisher im Hauptstaatsarchiv zu Dresden nicht auffinden können. Es ist aber wahrscheinlich, daß sie aus dem Ankauf auch auf die Ausführung durch den Verkäufer schlossen. Der Kruzifix ist übrigens nicht erst 1602, sondern schon zu Weihnachten 1601 der Kurfürstinwitwe Sophie von ihren Söhnen geschenkt