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zu tun bekommen, denn der Schmuck des Altars muß herrlich werden. Wenn ich nur recht schön sticken könnte, jetzt wüßte ich wozu; denn Krägen und dergleichen stickt eine Diakonissin nicht mehr. Der Paramentenverein dient bei uns zugleich als höhere Schule der weiblichen Arbeiten. Ist eine Schülerin so geschickt, daß sie von der gewöhnlichen Nähschule dispensiert werden kann, so avanciert sie in den Paramentenverein. Das ist gewiß recht schön und zeigt, wie auch dies Gebiet, auch solche scheinbar geringen Künste dem Herrn Jesus zu Füßen gelegt und zu Seiner Ehre verwendet werden können.

 Wozu schreibe ich Dir eigentlich so viel? Offenbar nur um das Papier auszufüllen. Denn Reden geht schneller, und das ist mir ja in Aussicht gestellt. Gelt, Du läßt mich Dein Moritzle recht fleißig herumtragen! Nein, wie ich mich freue auf alles, aber besonders auf die zwei kleinen Kinder, die ich so sehr, sehr liebe. ...Vorige Woche ging meine Stubengenossin Margarete Schmieg nach Fürth ab, um der dortigen Krippenanstalt vorzustehen. Ein rechter Diakonissenberuf. Nun residiere ich allein in meinem Stübchen. Solch eine Wohltat weiß man hier zu schätzen. Doris Braun hat in den ersten Wochen ihres Hierseins nach Hause geschrieben, sie schlafe hier auf dem Marktplatze.

 Ich werde Dir viel von unsern interessanten psychologischen Stunden erzählen. Da wird man in der Tat und Wahrheit mit jeder Stunde um ein Stück gescheiter, obwohl, ja eben deshalb, weil Herr Pfarrer fast in jeder Stunde sagt und also auch uns sagen lehrt: Ich weiß gar nichts, bin ganz dumm, ich kann nur das Eine: bemerken und – mich wundern. Gestern z. B. kam in der Betrachtung der sieben Teile bei der Leiblichkeit des Menschen das Herz an die Reihe. Da wurden wir aufmerksam gemacht, wie oft in der heiligen Schrift das Herz vorkomme, wie es da immer als Zentrum des Wollens, Denkens und Empfindens erscheine, geradezu alles vertrete, während wir gewohnt sind, alle diese Dinge dem Kopf, dem Gehirn, sonderlich der grauen Substanz zuzuschreiben. – „Vielleicht ist das gerade unser Unsinn, unsere Verkehrtheit.“ ...

Deine treue Theresia.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 99. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/101&oldid=2950993 (Version vom 10.11.2016)