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hier eine Gemeinde von Heiligen zu finden, die hier einen Himmel gesucht, während wir doch erst im Vorhof sind, in einer Vorbereitungsanstalt für den Himmel. Es wurde denen gesagt, die an den andern so schwer tragen, daß sie vor allem das Schwert gegen sich selber kehren sollen und bedenken, daß vielleicht gerade sie Steine seien, an denen die andern recht schwer zu tragen haben...

 Mein Berufsleben ist in diesem Semester bewegter und mich selbst bewegender als sonst, teils weil ich immer mehr in die Aufgabe einer Lehrerin hineinwachse, teils weil wir gegenwärtig Kinder zu erziehen haben, die zum großen Teil so angelegt sind, daß sie entweder rechte Zierden der Kirche oder rechte Beuten der Welt werden. Es versteht sich, daß man an solchen Kindern auch am meisten zu erziehen hat. Da soll ich schwach angelegte Person oft diesen wilden, ungebändigten Charakteren gegenübertreten, die sich, was noch das Gute dabei ist, ihren Lehrern und Lehrerinnen gegenüber ganz geben, wie sie sind, und ihre innerliche Wildheit auch nicht aus äußerem Schliff zu zähmen pflegen. Ich habe unter diesen Umständen manchen schweren Tag, weil ich zu oft vergesse, was mir doch bei meinem Bibellesen immer entgegentritt: daß Plage und Not ganz natürlich sind. Daneben schenkt mir aber Gott auch manche Freude. Diesen Vormittag trete ich in ein Zimmer und finde da die 2. Klasse versammelt, alle die Bibeln aufgeschlagen. Auf meine Frage, was sie machten, erwiderten sie: sie haben sich vorgenommen täglich gemeinsam ein Stück aus dem Ebräerbrief zu lesen. Ich äußere meine Verwunderung, daß ihre Wahl gerade auf diesen Brief, der doch nicht am leichtesten zu verstehen ist, fällt, bekomme aber zur Antwort, gerade den müßten sie kennen lernen, weil er so oft in den Unterrichtsstunden zitiert werde. Die 2. Klasse ist überhaupt aus Kindern zusammengesetzt, an denen man viel Freude haben kann. Ein ausgesprochener Wunsch genügt, sie zum freudigsten Gehorsam, als wäre ein Befehl gegeben, zu bewegen.

 Heute (Montag) war wie gewöhnlich um 9 Uhr Katechismusstunde; aber nicht wird diesmal von den letzten Stufen der Heilsordnung gesprochen, wie zu erwarten steht, sondern aufsagen läßt der große Lehrer seine Schülerinnen und zwar

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 105. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/107&oldid=- (Version vom 10.11.2016)