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Lieder, Passionslieder. Vor etlichen Wochen hat er uns den Vorschlag gemacht, für jede Katechismusstunde etliche Verse zu lernen, aber so, daß keine besondere Zeit darauf verwendet wird, während des Brotessens und dergleichen. – Wir lernten nun so schnell, daß wir in kurzer Zeit die Lieder vom ersten bis zum letzten, so viel in unserm Gesangbuch stehen, konnten, und heut hat uns Herr Pfarrer examiniert. Es war recht komisch, als er zum Anfang bemerkte, daß ja Leute zugegen seien, die er nicht aufsagen lassen dürfe (Respektspersonen), es sollten sich doch die melden, die vom Aufsagen verschont sein wollten. Da steht unter Lachen die ganze Kompagnie, voran die jüngsten Schülerinnen, auf. – Es geschieht das, glaube ich, auch nur in Dettelsau, daß gestandene Leute jeden Tag ihr Lied lernen und sich dann verhören lassen. Du müßtest lachen, wenn Du sehen könntest, mit welchem Eifer Doris und ich vor der Stunde schnell noch in ein Zimmer gehen und uns da verhören oder uns wenigstens wie die Schulkinder fragen: „Kannst du dein Lied? Auch alle Verse anfangen?“

 Morgen ist Dein Geburtstag, meine liebste Schwester. Wir werden ihn sehr feierlich begehen. Frühmorgens gehen sie („wir“ darf ich arme Kreatur ja da nicht sagen) ins Pfarrhaus und stimmen schöne dreistimmige Gesänge an. Sara Hahn treibt seit einiger Zeit Heimlichkeiten mit einem großen Bogen, auf den sie mit prächtiger Malerei und Zierschrift den 20. Psalm setzt. Sonst hat sich der Herr alles verbeten; nicht einmal gratulieren soll man ihm, „wenn man ihm nicht etwas ganz Besonderes zu wünschen hätte“. Aber Du läßt Dir doch gratulieren, liebe Ida, sintemal mein Wünschen nicht ein leeres sein soll, sondern zum Gebet werden soll. Ein Jahr des Segens tue sich Dir auf. Euer ganzes Haus sei Gottes Hütte, in der es Ihm gefällt. An Deinen Kindlein schenke Er Dir große Freude und verleih Dir Weisheit, Seine Weisheit zum schweren Geschäft der Erziehung. Von meinem Dank, den ich Dir, meine liebste Schwester, schuldig bin, will ich jetzt schweigen, aber meinem Heiland will ich ihn zu Füßen legen und Ihn bitten, daß Er mit vollen Händen Dir heimzahle, was Du an mir getan...

 Gottes Gnade sei mit Dir!

Deine dankbare Theresia.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 106. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/108&oldid=2951051 (Version vom 10.11.2016)