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Briefe von 1854–1855


An ihren Vater.
Augsburg, den 9. April 1854

 Teuerster Vater! „Meine Seele erhebet den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes.“ So, liebster Vater, sprach Herr Kirchenrat heute über mir, indem er mir segnend die Hände auflegte. So klingt es heute den ganzen Tag in meinem Herzen wider. So will ich von nun an alle Tage sprechen. Ja, der Herr hat große Dinge an mir getan, mich gnädig und väterlich geführt an seiner treuen Hand. Ich kann nicht anders sprechen als: „Herr, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und Treue, die Du an mir getan hast.“ – Sie ist nun vorüber, die heilige Stunde meiner Konfirmation; das feierliche Gelübde, es ist abgelegt; und als konfirmierter Christ bin ich nun aufgenommen in den Bund des Glaubens. O, möchte der Segen, der heute über mich ausgesprochen wurde, auf mir bleiben, und der Heilige Geist nie von mir weichen!

 Ich will Ihnen kurz beschreiben, wie ich den heutigen Tag zugebracht. Um 8 Uhr ging die Kirche an. Herr Pfarrer Puchta predigte über das Evangelium und hatte das Thema: Der Gang mit Christo zum himmlischen Jerusalem: 1. Es ist ein Gang in den Kampf, 2. Der Zug wird immer kleiner, je weiter er vordringt. 3. Dieser Gang führt zu einem herrlichen Ziele. Alsdann hielt Herr Kirchenrat eine Rede am Altar über die Worte: „Und sie brachten Kindlein zu Ihm, daß Er sie anrührete...“ Hierauf legte er uns Fragen vor, auf die wir: „Ja, mit Gottes Hilfe!“ antworteten, sprachen dann kniend das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser und wurden dann paarweise eingesegnet. Ich ward mit meiner lieben Freundin Marie Hauser aufgerufen. Um 1/212 Uhr kamen wir nachhause. Nachmittags predigte Otto bei St. Anna. Nach der Kirche gingen wir ein wenig spazieren.

 Nun hören Sie aber auch, wie reich ich beschenkt worden bin. Schon am Freitag bekam ich von Frl. Krauß einen wunderschönen Blumenstrauß und ein Gebetbuch, das betitelt ist: „Alles mit Gott!“ in herrlichem Einband mit Goldschnitt. Am Samstag erhielt ich von der lieben Mutter und somit auch von Ihnen, lieber Vater, das schöne Buch von unserem seligen

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 9. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/11&oldid=2917159 (Version vom 17.10.2016)