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 Gegenwärtig ist die Suspension unseres Herrn Pfarrers in der Schwebe. Ein ganz verhärteter Bösewicht der hiesigen Gemeinde, der in allen möglichen Sünden und Greueln lebte, ließ sich von seinem Weibe scheiden und heiratet nun eine andere. Da nun wohl nach den bei uns geltenden Ehegesetzen, nimmer aber nach Gottes Wort so etwas geschehen darf, verweigert Herr Pfarrer die kirchliche Einsegnung. Die kirchlichen Oberen drohten mit der Suspension. Wir erwarten nun, was geschieht.

Deine dankbare Theresia.


An ihre Schwester Marie.
Neuendettelsau, den 3. Juli 1860

 Meine Schwester, ...ich muß Dir jetzt auch was erzählen: ich bin in Weiltingen gewesen, bin beim Kreuz gewesen, bin in Dinkelsbühl gewesen... So! Wie geht das zu? Johanna Zwanziger mußte nach Illenschwang zur Erholung, konnte noch nicht allein reisen; sie wünschte sich, daß ich mitginge; Herr Pfarrer erlaubte es, weil man sagte, es wären mir einige Ausruhetage gut. Am Mittwoch fuhren wir weg, zugleich mit Marie Vosseler und Elise Steinlein, die beide heimgehen, um sich ein Stück Gesundheit wieder zu holen. Am Abend kamen wir nach Illenschwang – die heimatliche Gegend – Gerolfingen – Wittelshofen – Michelbach. Im Pfarrhaus zwei wundernette Kinder zur großen Freude des Herrn Pfarrers Zwanziger. Am nächsten Nachmittag nach Weiltingen, über die Brücke, die Mühlgasse herauf, am Garten vorbei, die acht Staffeln bestiegen. Das Wohnzimmer kam mir viel kleiner vor, ich blieb nicht lang, ließ mich dann im Haus herumführen. Die Getreidestube ist ein „schönes“ Zimmer geworden; viele Räume sind noch etwas leer, zwischen Treppe und oberem Gang ist ein Verschlag – Glastüren. Der Hof war so leer, kein Streuhaufen, auf dem Ludwig als König steht und wir unten, ihm sein Reich streitig zu machen suchend. Der Garten! Alle Grasplätze sind von breiten, schönen Wegen durchzogen, alles mit Sorgfalt, ja mit Kunst arrangiert. Der Pfarrer arbeitet drin wie ein Bauer, hat kaum Zeit, den Schlafrock überzuwerfen und uns flüchtig zu begrüßen...

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 110. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/112&oldid=2951006 (Version vom 10.11.2016)