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nun ist keine Antwort bis jetzt gekommen und unsere Freude, Herrn Pfarrer wieder im Amt zu wissen, damit einstweilen sistiert. Ach, wie sehr täte eine baldige Änderung dieser Dinge not! Du glaubst nicht, wie man in unserem Hause den Mangel des Sakramentes und der Beichte fühlt und wie gerade statt größerer Buße, zu der uns doch gewiß die ganze Sache hätte leiten sollen, größere Lauigkeit und Sicherheit allenthalben zu merken ist. (Ich schließe mich bei dieser Bemerkung nicht nur nicht aus, sondern stelle mich gerade voran.) Freilich leiden wir in manchem Betracht keine Not; aber Beichte und Abendmahl fehlen eben und damit so gar viel. – Recht dankbar dürfen wir sein für eine kostbare Zulage, die unser Abendgottesdienst seit dem 1. August bekommen hat: Herr Pfarrer knüpft nämlich an jede der drei Lektionen, die allabendlich gelesen werden, eine kurze Betrachtung an, die mir so lieb sind wie manche Predigt. Da werden wir, und sind’s zum Teil schon, hineingeführt in die Herrlichkeit der davidischen und salomonischen Zeit, daß man sich kaum etwas Schöneres denken kann. – Jetzt bin ich fünf Jahre hier und habe fünf Jahre lang gesaugt an den kostbaren Dingen, die uns aus dem Reichtum des göttlichen Wortes vorgelegt worden sind, – findest Du es wunderlich, daß mir oft der Gedanke kommt: Du solltest doch auch einmal hinausgehen und in anderen Kreisen auskramen, was du hier gelernt? Zumal in den letzten Zeiten regte sich dieser Wunsch aus mancherlei Gründen lebhaft, so daß ich ihn laut werden ließ. Doch wurde bis jetzt noch nicht auf seine Erfüllung eingegangen...

Deine dankbare Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 8. November 1860

 Liebes, gutes Mutterle, ...und nun laß Dir noch sagen, daß ich das neue Semester recht vergnügt angefangen habe. Ich lehre nun auch Mittelhochdeutsch, in welche Wissenschaft ich mich aber erst hineinarbeiten muß. Neulich habe ich Hostienbacken gelernt. Das ist mein erstes Backwerk, das ich bereitet habe.

Deine dankbare Tochter Theresia.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 113. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/115&oldid=2951068 (Version vom 10.11.2016)