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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 30. Dezember 1860

 Meine liebste Mutter, wir haben nun schon wieder Weihnachten hinter uns, auf das ich mich besonders diesmal so sehr gefreut. Ach, hättest Du unseren schönen Gottesdiensten beiwohnen können! Unser Betsaal sah und sieht herrlich aus mit seinem von Tannenreis umbauten Ziborium (d. h. das Gerüst ist mit Tannenreis umwunden). Das Ganze vollendet sich oben in einem Kreuz, und hie und da schaut eine künstliche Rose aus dem feierlichen Grün heraus... Kurz vor Weihnachten hielt uns Herr Pfarrer in einer Akademischen Stunde einen Vortrag über den Weihnachtsbaum: seine Bedeutung, die Art und Weise ihn zu schmücken etc. Davon war nun die Frucht am Heiligen Abend zu sehen. Schwester Cäcilie putzte den Baum so schön, wie er noch nie war. Eine große dunkelrote Rose war hoch oben angebracht und barg in ihrem Innern das Jesuskindlein und zwei Engelchen. Sterne, Rosen und Lilien, vergoldete Ähren und künstliche Trauben – das alles gab einem bloß durch das Anschauen des Baumes eine Menge weihnachtlicher und anderer Ideen an die Hand. Für die Dorfjugend und auch für die unseres Hauses war im Pfründhaus eine Krippe erbaut. Am Heiligen Abend wurde beschert. Wir kamen vom Gottesdienst und die Kinder mußten noch einige Minuten in ihre Zimmer, bis die Lichter brannten. Wir sangen unterdessen: „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ etc., bis Herr Pfarrer selbst unter uns trat und sagte: „Ich soll euch holen.“ Da flogen die Kleinen mehr als sie gingen zum funkelnden Saal, – aber als ich eben mit den Kleinsten noch unter der Tür stand, da hing sich eins derselben fest an mich und sagte, wie überwältigt von dem Glanz: „Ach, ich trau mich nicht hinein.“ Es ist wirklich Weihnachten doppelt schön unter Kleinen. Dieser Jubel über das Bettstättchen mit der blauseidenen Decke und der Puppe, die ihre Augen schließen und öffnen kann! etc. – Man fängt selber noch einmal an, mit Puppen zu spielen. – Der Höhepunkt unserer Feier war am zweiten Festtag, denn da hatten wir Abendmahl, welchem eine Predigt voranging über Glaube, Erkenntnis und Kontemplation. Die ersten beiden Stücke sieht man an den Hirten, die der engelischen Botschaft alsbald glauben, dann aber auch schauen und erkennen wollen, das

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 115. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/117&oldid=2951038 (Version vom 10.11.2016)