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wurde die Probezeit auf vier bis sechs Wochen verlängert, weil man sich noch nicht recht auskannte. Ich habe mich in meine Stellung bei den Blauen leicht hineinfinden können und bin Gott für den Wechsel recht dankbar. Ich bin im eigentlicheren Sinn Diakonissin als zuvor, da ich mich nun nicht mehr mit solchen Dingen abzugeben habe, die von gebildeten Mädchen verlangt werden, wenn sie wieder in ihren vorigen Kreis zurückkehren, sondern alles, was ich treibe, in direkte Beziehung zum Diakonissendienst setzen darf.

 Herr Pfarrer gibt selbst den Diakonissenschülerinnen einen Unterricht, der unmittelbar auf das Berufsleben vorbereitet. Nach einer eingehenden Einleitung über die Stellung einer Diakonissin im allgemeinen ging er zu seinem eigentlichen Thema, zur geistlichen Krankenpflege, über. Wir lernen da viele Sachen, die gewiß auch mancher Pfarrer, der noch weniger Erfahrung als Herr Pfarrer auf diesem Gebiet hat, brauchen könnte. – In einer dieser Stunden ist der ganz feste Entschluß in mir gereift, den ich Dir nun sagen will in Form einer Bitte: ich will mit dem Gehalt, welchen ich bekomme, von nun an alle meine Bedürfnisse bestreiten, und Du sollst mir gar nichts mehr schicken, auch nicht zu Weihnachten...

Deine dankbare Tochter Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, Anfang August 1861?

 Meine liebste Mutter, diesmal schreibe ich Dir meinen Brief von einem Ort, an dem ich noch nie geschrieben: ich sitze in der Apotheke, in der ich nun täglich eine oder mehrere Stunden zubringe; denn denke Dir, heute vor vier Wochen, als Pauline fortging ins Bad, übernahm ich zum großen Teil ihre Geschäfte und verrichte dieselben seitdem mit großem Vergnügen. Ich dachte nicht daran, mich dazu zu melden, aber umso lieber war mir’s, als es so ganz von selber kam. Herr Pfarrer meinte: „Aha, jetzt kommt die Allseitigkeit gegangen.“ Und weißt Du, liebe Mutter, was ich finde? – Daß man alles lernen und begreifen kann, womit man sich befaßt. Mein fürchterlicher Respekt vor den Dingen, die ich noch nie getan, beginnt zu weichen. Ich lege Senfteig auf, helfe Arzneien bereiten, berichte dem Doktor, führe ihn zu den Kranken etc.,

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 120. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/122&oldid=2951003 (Version vom 10.11.2016)