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schon das Spülen der Arzneigläser ist mir eine Lust. Und was zu verwundern ist, der Doktor hat noch nicht einmal gesagt, er könne mich nicht brauchen. Mein Studieren geht ebenfalls gegenwärtig vielfach auf diese Seite hin. Gegenwärtig macht ein Buch viel Lärm: „Über die Pflege bei Kranken und Gesunden.“ Es ist von einer englischen Dame, einer alten Krankenpflegerin: Fräulein Nightingale (Nachtigall). Du hast vielleicht auch schon davon gehört. Man kann vieles daraus lernen, wenn sie auch mancher Dinge besonders Erwähnung tut, die einem der gesunde Menschenverstand selber sagt. Ich hab gestern das Buch fast ganz auf einen Sitz durchgelesen und nebenbei einen Auszug gemacht, um meinen Schülerinnen allerlei sagen zu können. In der letzten Doktorstunde ist ein Auge tranchiert worden, damit wir die ganze wunderbare Einrichtung haben sehen können. – Verzeih, liebste Mutter, daß ich diesmal so mit der Türe ins Haus geplatzt bin und gleich von mir zu reden anfange. Aber es hat sich eben so aufgedrängt. Ich sage Dir deswegen nicht minder herzlichen Dank für Deine beiden letzten Briefe.

In dankbarer, treuer Liebe Deine Tochter.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 16. August 1861

 Liebste Mutter, ...übermorgen, möglicherweise heute schon kommt Herr Pfarrer zurück. Wie sehr wir uns freuen, kannst Du Dir denken. Er war auch in Boll und bei der berühmten Trudel. Du hast von letzterer gewiß schon gehört. Sie heilt auf wunderbare Weise alle möglichen Krankheiten, tut aber im übrigen manches, was bei den nüchternen Christen Mißtrauen erweckt. Herr Pfarrer wollte eine bestimmte Überzeugung gewinnen, weil er oft in den Fall kommt, andern raten zu müssen. ...Heute mittag wird auch Frau von Zezschwitz mit ihrem Mann und vier Kindern aus Leipzig hieher kommen. Ich glaube, Du kennst sie durch Kelbers unter dem Namen Julie Meier. Sie kam schon mit dem 12. Jahr unter Herrn Pfarrers Leitung und ist von der Zeit an so recht eigentlich seine Tochter gewesen, an der auch, wenn an irgend wem, die herrliche Erziehung herrliche Frucht getragen. Ich war mit ihr vor nun bald sechs Jahren noch einige Monate

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Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 121. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/123&oldid=2951020 (Version vom 10.11.2016)