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im Diakonissenhaus zusammen und erinnere mich noch lebhaft, wie sie mir damals, so oft sie unter uns erschien, den Eindruck eines höheren Wesens machte. Sie schwebt mir auch seitdem, obwohl ich sie nie wieder gesehen, immer als Ideal vor der Seele[1]. Ich brenne manchmal vor Begier, von außerordentlichen Frauen auch unserer Zeit zu wissen, und ein Gefühl der tiefsten Befriedigung durchdringt mich, wenn ich von solchen höre oder sie gar kennen lerne.

 In letzter Zeit hören wir viel von der großen Krankenanstalt in Berlin (Bethanien). Wenn wir zuweilen traulich beisammensitzen, erzählt uns Schwester Cäcilie Pöschel ganz eingehend. Diese war nämlich vor kurzem ein paar Monate dort, um für die Krankenpflege mehr zu lernen. Sie war bei vielen Operationen, hat Operierte, Typhuskranke etc. selbst gepflegt und kann uns gar nicht oft genug sagen, welch ungeheure Arbeitslast auf jenen Schwestern liegt. ...Unser Siechenhaus wird vor dem Spätherbst kaum ganz vollendet werden.

Deine dankbare Tochter Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 12. September 1861

 Liebste Mutter, ...wegen des Lateinischen, liebste Mutter, darfst Du keine Sorgen haben. Wir trieben’s während Herrn Pfarrers Abwesenheit, wo etwas mehr frei war, und trieben’s nur halb im Spaß. Jetzt muß es bis zu den Prüfungen liegen bleiben, wird aber gleich dann wieder aufgegriffen. Wir haben uns nur ein kleines Ziel gesteckt, das wir erreichen wollen, das von praktischem Nutzen für uns ist.

 Nächsten Montag über drei Wochen sind die Prüfungen, d. h. da fangen sie an. Am Samstag, den 12. Oktober, ist die Schlußfeier mit der Aussegnung einer Probeschwester, Emilie Lippold, Nichte von Herrn Pastor Ahlfeld. Nicht wahr, wenn einmal Deine Marie ausgesegnet wird, dann kommst Du? Es wird schon noch eine Weile dauern, aber in Aussicht steht’s ja doch. Sie wäre bei einem Haar neulich an eine Kinderschule nach Hildesheim bestimmt worden, weil großer Mangel an Leuten ist.


  1. Korr.-Bl. 1907 Nr. 1/2.
Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 122. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/124&oldid=2951064 (Version vom 10.11.2016)