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eine schwierige Sache, auch wenn solche gewaltige Erziehungsmittel geboten sind wie hier. Es ist eine weit schwerere Aufgabe, die Großen mit den Kleinen zusammen zu regieren, als jede Partie gesondert; aber es wird schon gehen. Ich rede mich müde jeden Tag und weiß, daß dann am folgenden doch die alten Geschichten wiederkommen... Das weißt Du, glaub ich, noch nicht, daß ich seit vorigem Sommer Lehrerin für Strohflechten bin. Ach, wenn halt das praktische Geschick bei mir sich mehren würde! Ich freue mich über jeden kleinen Fortschritt und habe auch, und das ist wohl der Nutzen davon, eine immerwährende Mahnung zur Demut in dem Bewußtsein meines Mangels.

 In herzlicher Liebe

Deine dankbare Theresia.


An eine Krankenschwester.
Neuendettelsau, den 12. Februar 1862

 Liebe Kathrine, ...Gott meint’s recht gut mit Dir, daß Er Dir eine Stelle anweist, wo Du so viel Selbstverleugnung beweisen kannst. Aber der Leib darf dabei nicht zu Grunde gehen, und Du wirst gehorsam sein gegen das, was Frau Oberin schreibt. Du darfst nicht wie bisher Dich anstrengen; entweder muß Rat geschafft werden, oder man ruft Dich von hier aus zurück. Ich wünsche nur, daß Deine Seele nicht bei großer Mattigkeit des Leibes auch matt wird. Die Wechselwirkung der beiden ist so stark, daß das freilich kaum anders zu erwarten ist; aber Gott wird Dich stärken, daß die Seele frisch und wach bleiben kann. Vergeblich wird ja auch Dein Dienen für das Seelenheil der Kranken nicht sein. Auf den heiligen, stillen Wandel der Frauen ist ja 1. Petr. 3 ein besonderer Segen gelegt und ist demselben gute Frucht bei der Umgebung verheißen. Du kannst Dir in Deinen mancherlei Posten mancherlei Erfahrung sammeln, die einer Diakonissin so nötig ist.

 Seit ein paar Tagen steht uns ein neues, großes Arbeitsfeld in Aussicht, das tüchtige Diakonissen und deren nicht eine kleine Zahl erfordert. Du freust Dich gewiß auch darüber, wenn Du liest, was ich jetzt schreibe. Die Regierung unseres Landes hat in großem Wohlwollen beschlossen, die vagabundierenden, der Liederlichkeit ausgesetzten weiblichen Wesen, die freigesprochen

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 124. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/126&oldid=2951011 (Version vom 10.11.2016)