Seite:Therese Stählin - Meine Seele erhebet den Herrn.pdf/127

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

sind, in die verschiedenen Rettungshäuser Bayerns zu stellen. Auf die Aufforderung der Prinzessin Elise wurde von hier aus das Anerbieten gemacht, solche Sträflinge in unser Magdalenium aufzunehmen. Dieses Anerbieten ist nun angenommen, und der königliche Regierungskommissär war vor ein paar Tagen hier, um mit Herrn Pfarrer Unterhandlungen anzuknüpfen. Man will nun nicht nur einen Teil der verkommenen Mädchen hieher bringen, sondern alle vom ganzen Königreich, die zwischen zwölf und achtzehn Jahren stehen und protestantischer Religion sind. Wir bekommen da jährlich zwischen siebzig und achtzig. Das Haus wird im Frühjahr angefangen, und bis es fertig ist, müssen wir vom 1. Juli dieses Jahres an höchstens fünfundzwanzig Mädchen aufnehmen, die einstweilen im Siechensaal wohnen werden. Da gibts Diakonissenarbeit. Wir haben das Ganze gewiß als eine recht gnädige Fügung des barmherzigen Gottes anzusehen. Wie viel wird man da auch wieder lernen können!

 Ich befehle Dich dem Schutze des treuen Heilandes und bitte Dich ernstlich, nicht über Deine Kräfte zu tun, etwa weil Du denkst, es möchte Dir von irgend jemand verdacht werden, wenn Du Dich eher abberufen läßt, als Du Dich aufreibst. Gottes Wort sei Deine Stärke und Deine Erquickung. Ich bin

Deine treue Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 9. März 1862

 Meine liebste Mutter, ...einen Paß sollen von jetzt an alle Diakonissen haben, weil schon öfters so große Not durch den Mangel eines solchen entstanden ist. Die hiesigen machten eben den Anfang. Es ist ja hoffentlich kein schlimmes Zeichen für mich.

 Von Schwester Johanna Zwanziger soll ich Dir Grüße schreiben. Sie hat seit drei Wochen eine etwas erträglichere Zeit. Hoffnung auf Genesung ist ja natürlich nicht mehr. Im Lauf des Winters war sie öfters so elend, daß wir an ein recht nahes Ende dachten; allein guter Appetit und Schlaf haben die an und für sich gute Natur wieder gekräftigt, und wenn sie auch jetzt immer zu Bette liegen muß, so kann doch das Leiden noch lange währen, bis der Tod erfolgt.

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 125. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/127&oldid=2951049 (Version vom 10.11.2016)