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 Ich bin durch den diesmaligen Anfang des Semesters beruhigter als durch den vorigen. Etliche recht brave Schülerinnen geben gute Hoffnung. Emma Wagner ist ein Quecksilber, die auch unter die andern Leben bringt. Sie scheint sich hier sehr wohl zu fühlen bei den vielen Stunden. Ihr offenes, ehrliches Wesen ist ein recht gutes Element unter den übrigen.

 Unserer Johanna Zwanziger geht es immer elender. Es wird ja wohl ihr baldiger Heimgang nicht mehr ferne sein. Sie sieht furchtbar abgezehrt aus.

 Eine sehr liebliche Aussicht hat uns neulich Herr Pfarrer für das vor uns liegende Semester eröffnet, indem er uns ankündigte, welche Themata er an den Donnerstagabenden in seinen Vorträgen behandeln wolle. Es sollen das die heiligen Frauen des Neuen Testamentes sein. Vorgestern kam als erste Elisabeth, das Weib Zachariä, daran. Nein, ist das eine Lust! Da merkt man erst, wie viel in der Bibel steht.

 Gott behüte Dich, meine liebste Mutter. Bald sehen wir uns wieder, so Gott will. Mit herzlicher Dankbarkeit und Liebe

Deine Tochter.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 8. Juli 1862

 Liebste Mutter, ...unser 2.-Juli-Fest war recht schön. Es ist am Ende doch hie und da ein bleibender Segen bei den Roten Schülerinnen. Im ganzen freilich stelle ich je länger je mehr meine Hoffnungen sehr niedrig. Unsere Kinder, die oft hier innerlich angefaßt waren, daß es eine Freude war, haben schnell mit dem Anstaltskleid auch ihre hier empfangenen Eindrücke abgelegt. So ist es bei den allermeisten. Was sie hier gelernt haben, können sie nicht brauchen, weil sie nicht den Mut haben, es zu brauchen. Dann bezeugen sie selber, was andere sagen: man lerne hier nichts – und solche Geschöpfe wie unsereins müssen einen Kurs nach dem andern unterrichten und leiten mit solchem Bewußtsein, daß eigentlich Kraft und Zeit ziemlich verschwendet ist. Ältere Christen werden sich über diese Beobachtungen längst hinweggesetzt haben, d. h. innerlich unangefochten davon sein; ich aber bin noch jung und muß das erst überwinden lernen.

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 127. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/129&oldid=2951063 (Version vom 10.11.2016)